Hast du dich jemals gefragt, wie fair Lootboxen in deinem Lieblingsspiel wirklich sind? Oder wie hoch die Chance ist, bei einem Gewinnspiel tatsächlich etwas zu gewinnen? Die Mathematik dahinter basiert auf zwei einfachen Regeln: der Produktregel und der Summenregel – auch Pfadregeln genannt. Wenn du diese Regeln kennst, kannst du Wahrscheinlichkeiten selbst berechnen, Gewinnchancen einschätzen und manipulative Versprechen durchschauen. In diesem Artikel lernst du, wie du Ereigniswahrscheinlichkeiten mit Baumdiagramm, ohne Baumdiagramm und mithilfe des Gegenereignisses berechnest.
Vorwissen
Bevor wir starten, wiederholen wir kurz ein paar Grundlagen:
-
Zufallsexperiment: Ein Vorgang mit ungewissem Ausgang.
- Beispiel: Das Werfen einer Münze ist ein Zufallsexperiment. Du weißt vorher nicht, ob Kopf oder Zahl kommt.
-
Ergebnis: Ein möglicher Ausgang eines Zufallsexperiments.
- Beispiel: Beim Würfeln ist das Werfen einer
4ein Ergebnis.
- Beispiel: Beim Würfeln ist das Werfen einer
-
Ereignis: Eine Zusammenfassung von einem oder mehreren Ergebnissen.
- Beispiel: Das Ereignis „eine gerade Zahl würfeln" fasst die Ergebnisse {2, 4, 6} zusammen.
-
Wahrscheinlichkeit (Laplace): Das Verhältnis der günstigen Ergebnisse zur Gesamtzahl aller möglichen Ergebnisse.
- Formel:
- Beispiel: Die Wahrscheinlichkeit, eine gerade Zahl zu würfeln, ist .
Aufgabentyp 1: Wahrscheinlichkeit mit Baumdiagramm berechnen (mit Zurücklegen)
Das Baumdiagramm hilft uns, mehrstufige Zufallsexperimente darzustellen. „Mit Zurücklegen" bedeutet, dass sich die Ausgangssituation nach jedem Durchgang wiederherstellt. Die Wahrscheinlichkeiten auf jeder Stufe bleiben also gleich.
Um die Wahrscheinlichkeit für ein bestimmtes Ereignis zu finden, benutzen wir zwei simple Regeln:
-
Die 1. Pfadregel (Produktregel) Die Wahrscheinlichkeit für ein bestimmtes Ergebnis (einen Pfad im Baum) erhältst du, indem du alle Wahrscheinlichkeiten entlang dieses Pfades multiplizierst.
-
Die 2. Pfadregel (Summenregel) Wenn ein Ereignis aus mehreren Ergebnissen (Pfaden) besteht, erhältst du die Gesamtwahrscheinlichkeit, indem du die Wahrscheinlichkeiten der einzelnen Pfade addierst.
Schritt-für-Schritt-Anleitung
- Experiment verstehen: Lies die Aufgabe genau. Was sind die Stufen des Experiments? Was sind die möglichen Ergebnisse pro Stufe? Findet das Experiment mit oder ohne Zurücklegen statt?
- Baumdiagramm zeichnen: Zeichne für jede Stufe die entsprechenden Äste. Die Anzahl der Stufen entspricht der Anzahl der Durchführungen.
- Wahrscheinlichkeiten eintragen: Schreibe an jeden Ast die zugehörige Wahrscheinlichkeit. Die Summe aller Äste von einem Punkt muss 1 ergeben.
- Relevante Pfade markieren: Finde alle Pfade, die zum gesuchten Ereignis gehören.
- Pfadwahrscheinlichkeiten berechnen (Produktregel): Multipliziere die Wahrscheinlichkeiten entlang jedes markierten Pfades.
- Gesamtwahrscheinlichkeit berechnen (Summenregel): Addiere die Wahrscheinlichkeiten aller markierten Pfade.
Durchgerechnete Beispiele
Beispiel 1
In einer Urne befinden sich blaue, weiße und schwarze Kugeln. Die Wahrscheinlichkeit für eine blaue Kugel ist , für eine weiße Kugel und für eine schwarze Kugel . Lukas zieht nacheinander 2 Kugeln und legt sie nach jedem Zug zurück. Erstelle ein Baumdiagramm und berechne die Wahrscheinlichkeit, dass Lukas genau eine weiße und eine blaue Kugel zieht.
- Schritt 1 & 2 & 3Baumdiagramm erstellen und Wahrscheinlichkeiten eintragen
Das Experiment hat zwei Stufen (zweimal ziehen). Da die Kugeln zurückgelegt werden, sind die Wahrscheinlichkeiten in beiden Stufen gleich.

Baumdiagramm mit blauen, weißen und schwarzen Kugeln - Schritt 4Relevante Pfade markieren
Das Ereignis „eine weiße und eine blaue Kugel" tritt bei zwei Pfaden ein:
- Zuerst blau, dann weiß (Pfad B-W)
- Zuerst weiß, dann blau (Pfad W-B)

Markierte Pfade im Baumdiagramm für blau-weiß - Schritt 5Pfadwahrscheinlichkeiten berechnen (Produktregel)
Wir multiplizieren die Wahrscheinlichkeiten entlang der beiden Pfade:
- Schritt 6 · ErgebnisGesamtwahrscheinlichkeit berechnen (Summenregel)
Wir addieren die Wahrscheinlichkeiten der beiden Pfade:
Die Wahrscheinlichkeit, eine weiße und eine blaue Kugel zu ziehen, beträgt .
Beispiel 2
Eine Münze ist manipuliert, sodass die Wahrscheinlichkeit für „Kopf" beträgt. Die Münze wird zweimal geworfen. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, genau einmal „Kopf" zu werfen?
- Schritt 1Experiment verstehen
- Zwei Stufen (zweimal werfen).
- Ergebnisse: Kopf (K) oder Zahl (Z).
- Wahrscheinlichkeiten: . Da es nur zwei Möglichkeiten gibt, ist .
- Die Würfe sind unabhängig (wie „mit Zurücklegen").
- Schritt 2 & 3Baumdiagramm

Baumdiagramm manipulierte Münze Kopf und Zahl - Schritt 4Relevante Pfade markieren
Das Ereignis „genau einmal Kopf" hat zwei Pfade:
- Kopf, dann Zahl (K-Z)
- Zahl, dann Kopf (Z-K)
- Schritt 5Pfadwahrscheinlichkeiten berechnen (Produktregel)
- Schritt 6 · ErgebnisGesamtwahrscheinlichkeit berechnen (Summenregel)
Die Wahrscheinlichkeit für genau einmal Kopf beträgt .
Beispiel 3
Ein Glücksrad hat drei Sektoren: Rot (50%), Grün (30%) und Blau (20%). Das Rad wird zweimal gedreht. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, zwei unterschiedliche Farben zu erhalten?
- Schritt 1Experiment verstehen
- Zwei Stufen (zweimal drehen).
- Ergebnisse: Rot (R), Grün (G), Blau (B).
- Wahrscheinlichkeiten: , , .
- Die Drehungen sind unabhängig.
- Schritt 2 & 3Baumdiagramm

Baumdiagramm Glücksrad mit Rot, Grün und Blau - Schritt 4Relevante Pfade markieren
„Zwei unterschiedliche Farben" bedeutet alle Pfade außer R-R, G-G und B-B. Das sind:
- R-G, R-B
- G-R, G-B
- B-R, B-G
- Schritt 5Pfadwahrscheinlichkeiten berechnen (Produktregel)
- Schritt 6 · ErgebnisGesamtwahrscheinlichkeit berechnen (Summenregel)
(Alternativer Weg: Über das Gegenereignis „gleiche Farben" rechnen: , , . Summe ist . Dann )
Die Wahrscheinlichkeit für zwei unterschiedliche Farben beträgt .
Beispiel 4
Ein Basketballspieler trifft Freiwürfe mit einer Wahrscheinlichkeit von 80%. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass er bei zwei Versuchen genau einen trifft?
- Schritt 1Experiment verstehen
- Zwei Stufen (zwei Würfe).
- Ergebnisse: Treffer (T) oder Fehlwurf (F).
- Wahrscheinlichkeiten: , also .
- Die Würfe sind unabhängig.
- Schritt 2 & 3Baumdiagramm

Baumdiagramm Basketballwürfe Treffer und Fehlwurf - Schritt 4Relevante Pfade markieren
Das Ereignis „genau einen Treffer" hat zwei Pfade:
- Treffer, dann Fehlwurf (T-F)
- Fehlwurf, dann Treffer (F-T)
- Schritt 5Pfadwahrscheinlichkeiten berechnen (Produktregel)
- Schritt 6 · ErgebnisGesamtwahrscheinlichkeit berechnen (Summenregel)
Die Wahrscheinlichkeit für genau einen Treffer beträgt .
Beispiel 5
Ein Würfel wird zweimal geworfen. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Augensumme genau 5 beträgt?
- Schritt 1Experiment verstehen
- Zwei Stufen (zwei Würfe).
- Ergebnisse: Zahlen von 1 bis 6. Jeder Wurf hat die Wahrscheinlichkeit .
- Die Würfe sind unabhängig.
- Schritt 2 & 3Baumdiagramm
Ein vollständiges Baumdiagramm hätte Äste. Wir können es uns aber vorstellen.
- Schritt 4Relevante Pfade markieren
Welche Würfe ergeben die Summe 5?
- 1 im ersten Wurf, 4 im zweiten Wurf (1, 4)
- 2 im ersten Wurf, 3 im zweiten Wurf (2, 3)
- 3 im ersten Wurf, 2 im zweiten Wurf (3, 2)
- 4 im ersten Wurf, 1 im zweiten Wurf (4, 1)
Es gibt 4 relevante Pfade.
- Schritt 5Pfadwahrscheinlichkeiten berechnen (Produktregel)
Jeder einzelne Wurf hat die Wahrscheinlichkeit . Daher hat jeder der vier Pfade die gleiche Wahrscheinlichkeit:
- Schritt 6 · ErgebnisGesamtwahrscheinlichkeit berechnen (Summenregel)
Wir addieren die Wahrscheinlichkeiten der vier Pfade:
Die Wahrscheinlichkeit für die Augensumme 5 beträgt oder ca. .
Aufgabentyp 2: Wahrscheinlichkeiten ohne Baumdiagramm berechnen
Manchmal ist ein Experiment zu groß, um ein komplettes Baumdiagramm zu zeichnen (z. B. achtmal ziehen). In solchen Fällen konzentrieren wir uns auf die logische Struktur der Aufgabe, indem wir auf Schlüsselwörter achten:
-
Das Wort UND bedeutet, dass mehrere Dinge nacheinander oder gleichzeitig passieren müssen. Es verbindet Äste entlang eines Pfades. Hier benutzt du die Produktregel (multiplizieren).
- Beispiel: „Die erste Kugel ist rot UND die zweite ist rot."
-
Das Wort ODER bedeutet, dass es verschiedene Möglichkeiten (Pfade) gibt, wie das Ereignis eintreten kann. Hier benutzt du die Summenregel (addieren).
- Beispiel: „Drei rote Kugeln ODER drei blaue Kugeln."
Schritt-für-Schritt-Anleitung
- Ereignis in Worte fassen: Übersetze die Frage in einen Satz mit den Wörtern „UND" und „ODER". Beispiel: „Die ersten drei Kugeln haben dieselbe Farbe" wird zu „(erste Kugel rot UND zweite rot UND dritte rot) ODER (erste Kugel weiß UND …) ODER (…)".
- Einzelwahrscheinlichkeiten bestimmen: Berechne die Wahrscheinlichkeit für jedes einzelne Ergebnis, das in deinem Satz vorkommt (z. B. P(rot), P(weiß)).
- UND-Teile berechnen (Produktregel): Für jeden Klammerausdruck (jeden ODER-Teil) multiplizierst du die Einzelwahrscheinlichkeiten.
- ODER-Teile verbinden (Summenregel): Addiere die Ergebnisse aus Schritt 3. Das ist deine finale Antwort.
Durchgerechnete Beispiele
Beispiel 1
In einer Urne befinden sich drei rote, eine weiße und sechs schwarze Kugeln (insgesamt 10 Kugeln). Es werden nacheinander acht Kugeln mit Zurücklegen gezogen. Bestimme die Wahrscheinlichkeit, dass die ersten drei gezogenen Kugeln dieselbe Farbe haben.
- Schritt 1Ereignis in Worte fassen
Das Ereignis „die ersten drei Kugeln haben dieselbe Farbe" bedeutet: (erste rot UND zweite rot UND dritte rot) ODER (erste weiß UND zweite weiß UND dritte weiß) ODER (erste schwarz UND zweite schwarz UND dritte schwarz).
Hinweis: Die Tatsache, dass 8 Kugeln gezogen werden, ist für die Frage irrelevant. Nur die ersten drei Züge zählen.
- Schritt 2Einzelwahrscheinlichkeiten bestimmen
Insgesamt sind 10 Kugeln in der Urne.
Da mit Zurücklegen gezogen wird, bleiben diese Wahrscheinlichkeiten immer gleich.
- Schritt 3UND-Teile berechnen (Produktregel)
- Schritt 4 · ErgebnisODER-Teile verbinden (Summenregel)
Die Wahrscheinlichkeit, dass die ersten drei Kugeln dieselbe Farbe haben, beträgt .
Beispiel 2
Bei einem Multiple-Choice-Test gibt es 4 Fragen mit je 3 Antwortmöglichkeiten (A, B, C), von denen immer nur eine richtig ist. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, durch reines Raten die erste Frage richtig UND die zweite falsch zu beantworten?
- Schritt 1Ereignis in Worte fassen
Das Ereignis ist bereits formuliert: „Erste Frage richtig UND zweite Frage falsch".
- Schritt 2Einzelwahrscheinlichkeiten bestimmen
Pro Frage gibt es 3 Möglichkeiten. Die Wahrscheinlichkeit, richtig zu raten, ist .
Die Wahrscheinlichkeit, falsch zu raten, ist die Gegenwahrscheinlichkeit. Es gibt 2 falsche Antworten von 3.
(oder )
- Schritt 3UND-Teile berechnen (Produktregel)
Wir multiplizieren die Wahrscheinlichkeiten der beiden unabhängigen Ereignisse:
- Schritt 4 · ErgebnisODER-Teile verbinden (Summenregel)
Es gibt keine ODER-Verbindung, also sind wir fertig.
Die Wahrscheinlichkeit beträgt oder ca. .
Beispiel 3
Aus einem Standard-Kartenspiel mit 52 Karten wird dreimal eine Karte gezogen und wieder zurückgelegt. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, zuerst ein Herz, dann ein Pik und dann wieder ein Herz zu ziehen?
- Schritt 1Ereignis in Worte fassen
Das Ereignis ist: „Erste Karte Herz UND zweite Karte Pik UND dritte Karte Herz".
- Schritt 2Einzelwahrscheinlichkeiten bestimmen
Ein Kartenspiel hat 4 Farben (Herz, Pik, Karo, Kreuz) mit je 13 Karten. Insgesamt 52 Karten.
Da die Karten zurückgelegt werden, bleiben die Wahrscheinlichkeiten konstant.
- Schritt 3UND-Teile berechnen (Produktregel)
- Schritt 4 · ErgebnisODER-Teile verbinden (Summenregel)
Es gibt keine ODER-Verbindung, also sind wir fertig.
Die Wahrscheinlichkeit beträgt oder ca. .
Beispiel 4
Die Wettervorhersage sagt für die nächsten drei Tage (Fr, Sa, So) jeweils eine Regenwahrscheinlichkeit von 20%. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass es nur am Sonntag regnet?
- Schritt 1Ereignis in Worte fassen
„Nur am Sonntag regnet es" bedeutet: „Am Freitag regnet es NICHT UND am Samstag regnet es NICHT UND am Sonntag regnet es".
- Schritt 2Einzelwahrscheinlichkeiten bestimmen
Die Gegenwahrscheinlichkeit ist:
- Schritt 3UND-Teile berechnen (Produktregel)
- Schritt 4 · ErgebnisODER-Teile verbinden (Summenregel)
Es gibt keine ODER-Verbindung, da der Tag genau festgelegt ist.
Die Wahrscheinlichkeit, dass es nur am Sonntag regnet, beträgt .
Beispiel 5
Ein Würfel wird viermal geworfen. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass die ersten beiden Würfe eine 6 sind und die letzten beiden Würfe keine 6 sind?
- Schritt 1Ereignis in Worte fassen
Das Ereignis ist: „Erster Wurf 6 UND zweiter Wurf 6 UND dritter Wurf keine 6 UND vierter Wurf keine 6".
- Schritt 2Einzelwahrscheinlichkeiten bestimmen
- Schritt 3UND-Teile berechnen (Produktregel)
- Schritt 4 · ErgebnisODER-Teile verbinden (Summenregel)
Es gibt keine ODER-Verbindung.
Die Wahrscheinlichkeit beträgt oder ca. .
Aufgabentyp 3: Wahrscheinlichkeit mit dem Gegenereignis berechnen
Manchmal ist es viel einfacher, die Wahrscheinlichkeit für das genaue Gegenteil eines Ereignisses zu berechnen. Das nennt man das Gegenereignis.
Schlüsselwörter, die auf diesen Trick hindeuten, sind:
- „mindestens einmal"
- „wenigstens einmal"
- „nicht nur"
Die Regel lautet:
Beispiel: Die Wahrscheinlichkeit, „mindestens eine 6" bei zwei Würfen zu würfeln, ist kompliziert (1-6, 6-1, 6-6). Das Gegenereignis ist einfach: „keine 6" bei beiden Würfen. Man berechnet also und zieht das Ergebnis von 1 ab.
Wichtig: Bei Aufgaben „ohne Zurücklegen" ändern sich die Wahrscheinlichkeiten nach jedem Zug, da sich die Gesamtzahl der Objekte verringert!
Schritt-für-Schritt-Anleitung
- Schlüsselwort erkennen: Suche in der Aufgabenstellung nach Signalwörtern wie „mindestens", „wenigstens" oder „nicht alle". Das ist dein Hinweis, das Gegenereignis zu verwenden.
- Gegenereignis formulieren: Formuliere das exakte Gegenteil des gesuchten Ereignisses. „Mindestens eine weiße Kugel" wird zu „Keine weiße Kugel" (also: alle Kugeln sind schwarz).
- Wahrscheinlichkeit des Gegenereignisses berechnen: Berechne die Wahrscheinlichkeit für das (meist einfachere) Gegenereignis. Nutze dafür die Produktregel. Achte darauf, ob es sich um ein Experiment mit oder ohne Zurücklegen handelt!
- Endergebnis berechnen: Ziehe die in Schritt 3 berechnete Wahrscheinlichkeit von 1 ab:
Durchgerechnete Beispiele
Beispiel 1
In einer Urne befinden sich schwarze (s) und weiße (w) Kugeln. Ohne Zurücklegen wird zweimal gezogen. Das unvollständige Baumdiagramm zeigt die Wahrscheinlichkeiten. Berechne die Wahrscheinlichkeit, dass mindestens eine weiße Kugel gezogen wird.

- Schritt 1Schlüsselwort erkennen
Das Schlüsselwort ist „mindestens eine weiße Kugel". Wir verwenden das Gegenereignis.
- Schritt 2Gegenereignis formulieren
Das Gegenereignis zu „mindestens eine weiße Kugel" ist „keine weiße Kugel". Das bedeutet, beide gezogenen Kugeln sind schwarz.
- Schritt 3Wahrscheinlichkeit des Gegenereignisses berechnen
Wir suchen die Wahrscheinlichkeit für den Pfad (schwarz, schwarz). Die Wahrscheinlichkeiten dafür können wir direkt aus dem Baumdiagramm ablesen.
Wir nutzen die Produktregel entlang des Pfades s-s:
- Schritt 4 · ErgebnisEndergebnis berechnen
Die Wahrscheinlichkeit, mindestens eine weiße Kugel zu ziehen, beträgt .
Beispiel 2
In einer Klasse sind 10 Jungen und 15 Mädchen (insgesamt 25 Schüler). Zwei Schüler werden zufällig für einen Vortrag ausgewählt. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass mindestens ein Mädchen ausgewählt wird?
- Schritt 1Schlüsselwort erkennen
Das Schlüsselwort ist „mindestens ein Mädchen".
- Schritt 2Gegenereignis formulieren
Das Gegenereignis ist „kein Mädchen wird ausgewählt", was bedeutet „beide ausgewählten Schüler sind Jungen".
- Schritt 3Wahrscheinlichkeit des Gegenereignisses berechnen
Wir berechnen . Dies ist ein Experiment ohne Zurücklegen, da eine Person nicht zweimal ausgewählt werden kann.
Wahrscheinlichkeit für den ersten Schüler:
Nachdem ein Junge ausgewählt wurde, sind nur noch 9 Jungen und insgesamt 24 Schüler übrig.
Jetzt die Produktregel anwenden:
- Schritt 4 · ErgebnisEndergebnis berechnen
Die Wahrscheinlichkeit beträgt oder .
Beispiel 3
Aus einem Skatspiel (32 Karten) werden zwei Karten ohne Zurücklegen gezogen. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, mindestens einen König zu ziehen? (Es gibt 4 Könige im Spiel).
- Schritt 1Schlüsselwort erkennen
Das Schlüsselwort ist „mindestens einen König".
- Schritt 2Gegenereignis formulieren
Das Gegenereignis ist „keinen König ziehen".
- Schritt 3Wahrscheinlichkeit des Gegenereignisses berechnen
Wir berechnen . Es gibt Nicht-Könige.
Nachdem eine Nicht-König-Karte gezogen wurde, sind noch 27 Nicht-Könige und 31 Karten übrig.
Produktregel:
- Schritt 4 · ErgebnisEndergebnis berechnen
Die Wahrscheinlichkeit beträgt oder ca. .
Beispiel 4
In einer Box sind 10 Glühbirnen, davon sind 3 defekt. Du nimmst nacheinander zwei Glühbirnen heraus. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass mindestens eine davon funktioniert?
- Schritt 1Schlüsselwort erkennen
Das Schlüsselwort ist „mindestens eine funktioniert".
- Schritt 2Gegenereignis formulieren
Das Gegenereignis ist „keine funktioniert", was bedeutet „beide sind defekt".
- Schritt 3Wahrscheinlichkeit des Gegenereignisses berechnen
Wir berechnen . Es gibt 3 defekte und 7 funktionierende Birnen.
Danach sind noch 2 defekte und 9 Birnen insgesamt übrig.
Produktregel:
- Schritt 4 · ErgebnisEndergebnis berechnen
Die Wahrscheinlichkeit beträgt oder ca. .
Beispiel 5
Du wirfst einen normalen Würfel dreimal. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, mindestens einmal eine Zahl kleiner als 3 zu würfeln?
- Schritt 1Schlüsselwort erkennen
Das Schlüsselwort ist „mindestens einmal eine Zahl kleiner als 3".
- Schritt 2Gegenereignis formulieren
Das Gegenereignis ist „keinmal eine Zahl kleiner als 3 würfeln". Die Zahlen kleiner als 3 sind {1, 2}. Das Gegenereignis ist also, bei allen drei Würfen eine Zahl aus {3, 4, 5, 6} zu würfeln.
- Schritt 3Wahrscheinlichkeit des Gegenereignisses berechnen
Dies ist ein Experiment mit Zurücklegen, da jeder Wurf unabhängig ist.
Die Wahrscheinlichkeit für eine Zahl kleiner als 3 ist .
Die Wahrscheinlichkeit für das Gegenereignis (eine Zahl ) ist .
Wir berechnen .
- Schritt 4 · ErgebnisEndergebnis berechnen
Die Wahrscheinlichkeit beträgt oder ca. .
Wichtige Erkenntnisse
- 1. Pfadregel (Produktregel): Multipliziere Wahrscheinlichkeiten entlang eines Pfades. Gilt für UND-Verknüpfungen.
- 2. Pfadregel (Summenregel): Addiere die Wahrscheinlichkeiten mehrerer Pfade. Gilt für ODER-Verknüpfungen.
- Mit Zurücklegen: Die Wahrscheinlichkeiten auf jeder Stufe des Baumdiagramms bleiben gleich.
- Ohne Zurücklegen: Die Wahrscheinlichkeiten ändern sich nach jedem Zug, da sich die Gesamtmenge verringert.
- Gegenereignis: Bei Schlüsselwörtern wie „mindestens" oder „wenigstens" ist es oft einfacher, die Gegenwahrscheinlichkeit zu berechnen und von 1 abzuziehen: .
Häufige Fragen
Was sind die Pfadregeln in der Wahrscheinlichkeitsrechnung?
Die Pfadregeln sind zwei grundlegende Regeln der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Die 1. Pfadregel (Produktregel) besagt: Um die Wahrscheinlichkeit eines bestimmten Pfades im Baumdiagramm zu berechnen, multiplizierst du alle Wahrscheinlichkeiten entlang dieses Pfades. Die 2. Pfadregel (Summenregel) besagt: Wenn ein Ereignis aus mehreren Pfaden besteht, addierst du deren Einzelwahrscheinlichkeiten. Beide Regeln zusammen erlauben es dir, jede Art von mehrstufigem Zufallsexperiment zu berechnen.
Wie berechnest du Wahrscheinlichkeiten mit dem Baumdiagramm?
Beim Baumdiagramm gehst du in sechs Schritten vor: Erst das Experiment verstehen, dann den Baum zeichnen und Wahrscheinlichkeiten an die Äste schreiben. Anschließend markierst du alle relevanten Pfade, die zum gesuchten Ereignis gehören. Dann multiplizierst du die Wahrscheinlichkeiten entlang jedes Pfades (Produktregel) und addierst die Ergebnisse der einzelnen Pfade (Summenregel). Wichtig: Die Summe aller Äste, die von einem Knoten ausgehen, muss immer 1 ergeben.
Wann verwendest du die Produktregel und wann die Summenregel?
Die Produktregel verwendest du immer dann, wenn mehrere Ereignisse gleichzeitig oder nacheinander eintreten müssen – das Schlüsselwort ist UND. Die Summenregel verwendest du, wenn es mehrere verschiedene Möglichkeiten gibt, wie ein Ergebnis zustande kommen kann – das Schlüsselwort ist ODER. Kurz gesagt: UND bedeutet multiplizieren, ODER bedeutet addieren.
Was ist der Unterschied zwischen mit und ohne Zurücklegen?
Mit Zurücklegen bedeutet, dass nach jedem Zug das gezogene Objekt wieder in die Urne zurückgelegt wird. Die Wahrscheinlichkeiten bleiben auf jeder Stufe des Baumdiagramms gleich. Ohne Zurücklegen bedeutet, dass das gezogene Objekt nicht zurückkommt. Dadurch verringert sich die Gesamtanzahl, und die Wahrscheinlichkeiten ändern sich nach jedem Zug – du musst dies beim Eintragen der Äste berücksichtigen.
Wann lohnt es sich, das Gegenereignis zu berechnen?
Das Gegenereignis lohnt sich immer dann, wenn die Aufgabe Schlüsselwörter wie „mindestens einmal" oder „wenigstens einmal" enthält. Statt alle günstigen Pfade aufzuzählen, berechnest du das einfachere Gegenereignis (z. B. „kein Treffer") und ziehst es von 1 ab: P(Ereignis) = 1 − P(Gegenereignis). Das spart oft erheblich Rechenaufwand, weil das Gegenereignis aus weniger Pfaden besteht.