Reaktionsgeschwindigkeit und Katalyse: Einfach erklärt
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Warum verdirbt Milch im Sommer viel schneller als im kalten Kühlschrank? Und warum bekommen moderne Waschmittel hartnäckige Flecken oft schon bei niedrigen Temperaturen mühelos heraus? In beiden Fällen geht es um ein zentrales Konzept der Chemie: die Kontrolle der Zeit bei der Reaktionsgeschwindigkeit und Katalyse.

In dieser Lektion wirst du lernen, wie wir die Geschwindigkeit von chemischen Reaktionen im Labor ganz einfach sichtbar machen und messen können. Außerdem erfährst du, wie spezielle chemische Helfer – sogenannte Katalysatoren – Reaktionen extrem beschleunigen können, genau wie in deinem Waschmittel zu Hause.
Vorwissen
- Reaktionsgeschwindigkeit: Gibt an, wie schnell Ausgangsstoffe (Edukte) zu Endstoffen (Produkten) reagieren.
- Beispiel: Das Rosten von Eisen hat eine sehr niedrige Reaktionsgeschwindigkeit, eine Explosion hat eine sehr hohe.
- Katalysator: Ein Stoff, der eine chemische Reaktion beschleunigt, ohne dabei selbst verbraucht zu werden.
- Beispiel: Ein Katalysator im Autoabgasstrang wandelt giftige Gase schnell in ungiftige um, bleibt aber über Jahre hinweg im Auto erhalten.
Aufgabentyp 1: Einfluss der Temperatur (Versuch mit dem verschwindenden Kreuz)
Um zu messen, wie schnell eine Reaktion abläuft, brauchen wir ein sichtbares Signal. Eine sehr bekannte Methode nutzt die Reaktion von Natriumthiosulfat mit Salzsäure. Dabei reagieren Thiosulfat-Ionen mit Oxonium-Ionen aus der Säure.
Das Besondere an dieser Reaktion ist das Produkt: Es entsteht fester Schwefel. Dieser Schwefel ist nicht wasserlöslich, sondern verteilt sich als feines Pulver in der Flüssigkeit. Dadurch wird die anfangs klare Lösung zunehmend trüb und milchig.
Um die Geschwindigkeit zu messen, stellen wir das Gefäß auf ein Blatt Papier mit einem aufgemalten schwarzen Kreuz. Wir messen die Zeit (), bis so viel Schwefel entstanden ist, dass wir das Kreuz von oben nicht mehr sehen können.
Aber wie wird aus einer gemessenen Zeit eine Geschwindigkeit? Ganz einfach: Je kürzer die Zeit ist, desto schneller war die Reaktion. Mathematisch drücken wir das mit dem Kehrwert der Zeit aus ( oder ). Wenn die Reaktion nur dauert, ist der Wert . Dauert sie , ist der Wert . Der Kehrwert der Zeit ist also ein direktes Maß für die mittlere Reaktionsgeschwindigkeit .

Das verschwindende Kreuz
Zweck: Messung der Reaktionsgeschwindigkeit durch die Beobachtung eines entstehenden Feststoffs.
Materialien: Natriumthiosulfat-Lösung, Salzsäure, Erlenmeyerkolben, Papier mit aufgemaltem schwarzen Kreuz, Stoppuhr, Spritze.
⚠️ Sicherheitshinweis: Bei der Reaktion entsteht Schwefeldioxid-Gas (reizend und giftig). Der Versuch muss unter dem Abzug oder in einem sehr gut belüfteten Raum durchgeführt werden. Schutzbrille tragen!
Durchführung:
- Stelle den Erlenmeyerkolben mit der Natriumthiosulfat-Lösung exakt auf das schwarze Kreuz.
- Gib die Salzsäure mit der Spritze zügig hinzu und starte im exakt gleichen Moment die Stoppuhr.

- Blicke von oben durch die Flüssigkeit auf das Kreuz.
- Stoppe die Zeit exakt in dem Moment, in dem das Kreuz für dich nicht mehr sichtbar ist.
Beobachtung: Die anfangs völlig klare Flüssigkeit wird nach wenigen Sekunden milchig und färbt sich gelblich-weiß. Das Kreuz verschwindet langsam im Nebel, bis es komplett unsichtbar ist.

Erklärung: Die Säure reagiert mit dem Thiosulfat. Dabei entsteht fester Schwefel. Je mehr Schwefelteilchen entstehen, desto weniger Licht kann durch die Flüssigkeit dringen. Wenn das Kreuz verschwindet, hat sich eine bestimmte, immer gleiche Menge an Schwefel gebildet.
Schritt-für-Schritt-Anleitung
Wenn du in einer Prüfung die Zeiten aus dem Versuch mit dem verschwindenden Kreuz vergleichen sollst, gehst du so vor:
- Zeit ablesen: Notiere die gemessene Zeit () in Sekunden.
- Kehrwert berechnen: Teile die Zahl durch die gemessene Zeit. Die Formel lautet: .
- Einheit hinzufügen: Da die Zeit im Nenner (unten im Bruch) steht, ist die Einheit für dieses Maß der Geschwindigkeit (sprich: pro Sekunde).
Durchgerechnete Beispiele
Beispiel 1
Schüler führen den Versuch mit dem verschwindenden Kreuz bei zwei verschiedenen Temperaturen durch. Bei verschwindet das Kreuz nach . Bei verschwindet das Kreuz bereits nach . Berechne für beide Temperaturen den Kehrwert der Zeit als Maß für die Reaktionsgeschwindigkeit und vergleiche die Ergebnisse.
- Schritt 1Zeit ablesen
Für : Für :
- Schritt 2Kehrwert berechnen
Geschwindigkeit bei :
Geschwindigkeit bei :
- Schritt 3 · ErgebnisErgebnisse vergleichen
Der Wert ist fünfmal so groß wie . Die Reaktion bei ist also fünfmal schneller als bei .
Die Reaktion bei ist fünfmal schneller als bei .
Aufgabentyp 2: Katalytische Zersetzung von Wasserstoffperoxid
Wasserstoffperoxid () ist eine Flüssigkeit, die fast wie Wasser aussieht. Sie ist jedoch instabil und zerfällt langsam in normales Wasser und Sauerstoffgas.
Normalerweise dauert dieser Vorgang sehr lange. Wir können die Reaktion jedoch extrem beschleunigen, indem wir einen Katalysator hinzufügen. Dabei gibt es zwei Hauptarten von Katalysatoren:
- Anorganische Katalysatoren: Das sind oft Metalle oder künstliche Stoffe. Ein Beispiel ist Platin. Wenn man Platinperlen in Wasserstoffperoxid wirft, fängt es sofort an zu sprudeln.
- Biologische Katalysatoren: Auch die Natur hat Katalysatoren entwickelt. Eine frisch aufgeschnittene, rohe Kartoffel enthält natürliche Helfer (Enzyme), die genau dieselbe Zersetzung von Wasserstoffperoxid bewirken.
Um zu beweisen, dass das sprudelnde Gas wirklich Sauerstoff ist, nutzen Chemiker die sogenannte Glimmspanprobe. Sauerstoff selbst brennt nicht, aber er fördert die Verbrennung extrem stark.
Die Glimmspanprobe
Zweck: Nachweis von Sauerstoffgas bei der katalytischen Zersetzung von Wasserstoffperoxid.
Materialien: Wasserstoffperoxid-Lösung (3%), ein kleines Stück rohe Kartoffel, Reagenzglas, langer Holzspan, Feuerzeug.
⚠️ Sicherheitshinweis: Wasserstoffperoxid ist reizend und kann die Haut bleichen. Schutzbrille tragen!
Durchführung:
- Fülle das Wasserstoffperoxid in das Reagenzglas.
- Wirf das Stück rohe Kartoffel hinein.
- Zünde den Holzspan mit dem Feuerzeug an und puste die Flamme sofort wieder aus, sodass die Spitze nur noch rot glüht (glimmt).
- Halte den glimmenden Holzspan in die obere Öffnung des Reagenzglases (nicht in die Flüssigkeit tauchen!).
Beobachtung: Sobald die Kartoffel in der Flüssigkeit liegt, steigen viele kleine Bläschen auf. Wenn der glimmende Holzspan in das Glas gehalten wird, flammt er plötzlich hell auf und brennt wieder mit einer echten Flamme.

Erklärung: Die Kartoffel wirkt als biologischer Katalysator und zersetzt das Wasserstoffperoxid rasant. Das aufsteigende Gas ist reiner Sauerstoff. Da Sauerstoff die Verbrennung stark fördert, reicht die Restwärme des glimmenden Spans aus, um das Holz in der sauerstoffreichen Umgebung sofort wieder zu entzünden.
Aufgabentyp 3: Enzymatische Wirkung biologischer Katalysatoren
Wie wir beim Kartoffel-Experiment gesehen haben, nutzt die Natur eigene Katalysatoren. Diese biologischen Katalysatoren nennt man Enzyme. Enzyme sind hochspezialisierte Werkzeuge, die chemische Reaktionen in Lebewesen, aber auch in unserem Alltag, erst möglich machen.
Alltagsbezug: Ein perfektes Beispiel dafür sind moderne Waschmittel. Wenn du beim Essen kleckerst und Eigelb oder Soße mit Gelatine auf dein T-Shirt tropft, hast du ein Problem: Diese Speisereste bestehen aus Proteinen (Eiweißen). Proteine sind riesige Moleküle, die sich oft nur sehr schwer in Wasser lösen lassen. Ein normales Waschmittel ohne Enzyme würde den Fleck kaum herausbekommen.
Deshalb fügt man Waschmitteln spezielle Enzyme hinzu. Diese Enzyme wirken wie winzige molekulare Scheren. Sie setzen sich an die großen, unlöslichen Proteine des Flecks und zerschneiden sie in viele kleine Stücke.

Diese kleinen Stücke sind nun problemlos wasserlöslich und können von der Waschmaschine einfach weggespült werden. Da Enzyme Katalysatoren sind, werden sie beim Zerschneiden der Proteine nicht verbraucht. Ein einziges Enzym kann tausende Proteinbindungen nacheinander zerschneiden, was die Reinigungsleistung enorm verbessert.
Wichtige Erkenntnisse
- Beim Versuch mit dem verschwindenden Kreuz fällt fester Schwefel aus. Je schneller das Kreuz verschwindet, desto höher ist die Reaktionsgeschwindigkeit ().
- Wasserstoffperoxid zersetzt sich zu Wasser und Sauerstoff. Der Sauerstoff kann mit der Glimmspanprobe (Aufleuchten eines glimmenden Holzspans) nachgewiesen werden.
- Enzyme sind biologische Katalysatoren. In Waschmitteln zerschneiden sie schwer lösliche Proteine (wie Eigelb oder Gelatine), um Flecken zu entfernen.
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Häufige Fragen
Was ist die Reaktionsgeschwindigkeit?
Die Reaktionsgeschwindigkeit gibt an, wie schnell Ausgangsstoffe (Edukte) in einer chemischen Reaktion zu Endstoffen (Produkten) umgewandelt werden. Ein Beispiel für eine langsame Reaktion ist das Rosten von Eisen, während eine Explosion extrem schnell abläuft.
Was ist ein Katalysator?
Ein Katalysator ist ein chemischer Helfer, der eine Reaktion beschleunigt, ohne dabei selbst verbraucht zu werden. In der Natur übernehmen Enzyme diese Rolle als biologische Katalysatoren, zum Beispiel in Waschmitteln, um hartnäckige Proteinflecken zu zerschneiden.
Wie funktioniert der Versuch mit dem verschwindenden Kreuz?
Man lässt Natriumthiosulfat und Salzsäure reagieren, wobei fester Schwefel ausfällt und die Lösung trübt. Das Gefäß steht auf einem Papier mit einem Kreuz. Die Zeit, bis das Kreuz unsichtbar wird, wird gemessen. Der Kehrwert dieser Zeit (1/t) ist ein direktes Maß für die Reaktionsgeschwindigkeit.
Wie weist man Sauerstoff mit der Glimmspanprobe nach?
Bei der Glimmspanprobe hält man einen nur noch glühenden (glimmenden) Holzspan in ein Gefäß mit dem zu testenden Gas. Da Sauerstoff die Verbrennung stark fördert, entzündet sich der Span sofort wieder und brennt mit einer hellen Flamme, wenn Sauerstoff vorhanden ist.
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