Chemische Reaktionsgeschwindigkeit und Kinetik einfach erklärt

Lerne alles Wichtige über die chemische Reaktionsgeschwindigkeit und Kinetik. Wir erklären dir einfach und mit Beispielen, wie du sie aus Diagrammen berechnest.

📅 Aktualisiert 30. August 20265 Min. Lesezeit✍️ Rocket Tutor Redaktion
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Chemische Reaktionsgeschwindigkeit und Kinetik einfach erklärt

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Student thinking

Denk an einen Airbag, der bei einem Unfall explodiert, und an ein altes Fahrrad, das im Regen langsam vor sich hin rostet. Beides sind chemische Reaktionen! Der einzige Unterschied ist ihre chemische Reaktionsgeschwindigkeit.

Airbag und rostendes Fahrrad
Airbag und rostendes Fahrrad

In der chemischen Kinetik (der Lehre von der Bewegung) untersuchen wir genau das: Wie schnell laufen Reaktionen ab? In diesem Artikel lernst du, wie man diese Geschwindigkeit im Labor misst und wie man sie mit einfachen mathematischen Tricks aus Diagrammen ablesen kann.

Schnellantwort

In der chemischen Kinetik untersuchen wir die chemische Reaktionsgeschwindigkeit. Sie gibt an, wie schnell Edukte verbraucht oder Produkte gebildet werden. Man misst dazu die Änderung von Masse, Volumen oder Konzentration pro Zeitintervall.

Vorwissen

  • Edukte und Produkte: Edukte sind die Ausgangsstoffe, die verbraucht werden. Produkte sind die Stoffe, die neu entstehen. Beispiel: Bei der Verbrennung von Holz ist Holz das Edukt und Asche das Produkt.
  • Stoffmengenkonzentration (cc): Gibt an, wie viele Teilchen eines Stoffes in einem bestimmten Volumen gelöst sind. Die Einheit ist meist mol/L\text{mol/L}. Beispiel: Salzwasser hat eine hohe Konzentration an Salzteilchen.
  • Steigung einer Geraden (mm): Beschreibt, wie steil eine Linie im Koordinatensystem ist. Formel: m=y2y1x2x1m = \frac{y_2 - y_1}{x_2 - x_1}

Aufgabentyp 1: Reaktionsgeschwindigkeiten messen und berechnen

Wenn du mit dem Fahrrad fährst, misst du deine Geschwindigkeit in Kilometern pro Stunde. Du schaust also, wie sich deine zurückgelegte Strecke in einer bestimmten Zeit verändert. In der Chemie haben wir keine Strecke. Stattdessen schauen wir, wie sich die Menge der Edukte oder Produkte in einer bestimmten Zeit verändert.

Da Edukte verbraucht werden, wird ihre Menge immer kleiner. Da Produkte neu entstehen, wird ihre Menge immer größer. Um diese Veränderung zu messen, nutzen Chemiker verschiedene physikalische Größen, je nachdem, was bei der Reaktion passiert:

  • Masse: Wenn ein Gas entweicht, wird das Reaktionsgefäß leichter. Man stellt es einfach auf eine Waage.
  • Volumen: Wenn ein Gas entsteht und aufgefangen wird, kann man messen, wie viel Platz (Volumen) es einnimmt.
  • Konzentration: Man misst, wie sich die Stoffmengenkonzentration (cc) eines gelösten Stoffes verändert.

Das Symbol Δ\Delta (Delta) steht dabei immer für die Differenz (den Unterschied) zwischen zwei Messungen. Δt\Delta t ist also ein bestimmter Zeitraum (z. B. von Sekunde 10 bis Sekunde 20).

Magnesium und Salzsäure

Zweck: Messung der Reaktionsgeschwindigkeit durch das Auffangen eines entstehenden Gases.

Materialien: Ein Stück Magnesiumband (ca. 2 cm), 50 mL verdünnte Salzsäure, Erlenmeyerkolben, Stopfen mit Schlauch, Kolbenprober (Glasspritze zur Gasmessung), Stoppuhr.

⚠️ Sicherheitshinweis: Schutzbrille tragen! Salzsäure ist ätzend. Das entstehende Wasserstoffgas ist hochentzündlich, daher offene Flammen fernhalten.

Durchführung:

  1. Fülle die Salzsäure in den Erlenmeyerkolben.
  2. Wirf das Magnesiumband hinein und verschließe den Kolben sofort fest mit dem Stopfen, der mit dem Kolbenprober verbunden ist.
  3. Starte die Stoppuhr und lies alle 10 Sekunden das Volumen am Kolbenprober ab.
Erlenmeyerkolben mit Kolbenprober
Erlenmeyerkolben mit Kolbenprober

Beobachtung: Das Magnesium sprudelt stark. Der Stempel des Kolbenprobers wird nach außen gedrückt. Am Anfang bewegt sich der Stempel sehr schnell, später wird er immer langsamer, bis er ganz stehen bleibt.

Erklärung: Das Magnesium reagiert mit der Säure. Dabei entsteht Wasserstoffgas (H2H_2). Die chemische Gleichung lautet:

Mg(s)+2 H3O+(aq)Mg2+(aq)+2 H2O(l)+H2(g)\text{Mg(s)} + 2 \text{ H}_3\text{O}^+\text{(aq)} \to \text{Mg}^{2+}\text{(aq)} + 2 \text{ H}_2\text{O(l)} + \text{H}_2\text{(g)}

Weil das Gas Platz braucht, drückt es den Stempel nach außen. Die Volumenzunahme (ΔV\Delta V) in gleichen Zeitabständen (Δt\Delta t) wird immer kleiner, weil die Edukte verbraucht werden und die Reaktion somit langsamer wird.

Berechnung der durchschnittlichen Reaktionsgeschwindigkeit

Oft wollen wir wissen, wie schnell eine Reaktion im Durchschnitt in einem bestimmten Zeitraum war (z. B. zwischen der 10. und der 30. Sekunde). Das nennen wir die mittlere Reaktionsgeschwindigkeit (vˉ\bar{v}).

Sie wird berechnet, indem man die Änderung der Konzentration (Δc\Delta c) durch das dafür benötigte Zeitintervall (Δt\Delta t) teilt.

Wenn wir ein Produkt beobachten, wird es mehr. Die Formel ist einfach:

vˉ=ΔcΔt=c(t2)c(t1)t2t1\bar{v} = \frac{\Delta c}{\Delta t} = \frac{c(t_2) - c(t_1)}{t_2 - t_1}

Wenn wir aber ein Edukt beobachten, wird es weniger. Die Konzentration am Ende (t2t_2) ist kleiner als am Anfang (t1t_1). Dadurch wäre Δc\Delta c eine negative Zahl. Da eine Geschwindigkeit aber nicht negativ sein kann (du fährst ja auch nicht -50 km/h), setzen wir das Ergebnis in Betragsstriche ...|...|. Diese machen aus einer negativen Zahl einfach eine positive Zahl:

vˉ=ΔcΔt\bar{v} = \frac{|\Delta c|}{\Delta t}

In einem Diagramm, das die Konzentration über die Zeit zeigt (c-t-Diagramm), entspricht diese mittlere Geschwindigkeit der Steigung einer Sekante. Eine Sekante ist eine gerade Linie, die die Kurve in genau zwei Punkten (deinem Start- und Endzeitpunkt) schneidet.

c-t-Diagramm mit Sekante
c-t-Diagramm mit Sekante

Je steiler diese Sekante ist, desto höher ist die durchschnittliche Reaktionsgeschwindigkeit in diesem Zeitraum.

Bestimmung der momentanen Reaktionsgeschwindigkeit

Die mittlere Geschwindigkeit ist nützlich, aber sie verrät uns nicht, wie schnell die Reaktion zu einem ganz exakten Zeitpunkt war. Wenn du mit dem Auto fährst, ist deine Durchschnittsgeschwindigkeit für die ganze Fahrt vielleicht 60 km/h. Aber wenn du auf den Tacho schaust, siehst du deine momentane Geschwindigkeit in genau dieser einen Sekunde.

In der Chemie nennen wir das die momentane Reaktionsgeschwindigkeit (v(t)v(t)). Um sie zu finden, machen wir einen gedanklichen Trick: Wir machen das Zeitintervall Δt\Delta t immer kleiner, bis es fast null ist (infinitesimal klein).

Was passiert dabei im Diagramm? Die beiden Punkte der Sekante rücken immer näher zusammen, bis sie zu einem einzigen Punkt verschmelzen. Die Sekante wird zu einer Tangente. Eine Tangente ist eine Linie, die die Kurve an nur einem einzigen Punkt berührt, ohne sie zu durchschneiden.

c-t-Diagramm mit Tangente
c-t-Diagramm mit Tangente

Merksatz: Die momentane Reaktionsgeschwindigkeit zu einem bestimmten Zeitpunkt entspricht exakt der Steigung der Tangente an diesem Punkt im Konzentrations-Zeit-Diagramm.

Schritt-für-Schritt-Anleitung

  1. Art der Geschwindigkeit identifizieren: Lies die Aufgabe genau: Ist nach einem Zeitraum gefragt (z. B. „zwischen 10 s und 20 s“)? Dann brauchst du die mittlere Geschwindigkeit (Sekante). Ist nach einem exakten Zeitpunkt gefragt (z. B. „genau bei 15 s“)? Dann brauchst du die momentane Geschwindigkeit (Tangente).
  2. Hilfslinie zeichnen: Für die Sekante markierst du die beiden Punkte auf der Kurve und verbindest sie mit einer geraden Linie. Für die Tangente markierst du den einen Punkt auf der Kurve. Lege dein Lineal so an, dass es die Kurve nur in diesem Punkt berührt und die gleiche Neigung wie die Kurve an dieser Stelle hat. Zeichne die Linie.
  3. Steigungsdreieck einzeichnen und berechnen: Zeichne ein beliebig großes, rechtwinkliges Dreieck an deine gezeichnete Linie. Lies die Werte für Δc\Delta c (y-Achse) und Δt\Delta t (x-Achse) ab. Berechne die Geschwindigkeit mit der Formel v=ΔcΔtv = \frac{|\Delta c|}{\Delta t}.

Durchgerechnete Beispiele

Beispiel 0

Aufgabe

In einem Experiment wird die Konzentration eines Edukts gemessen. Nach 10 s10 \text{ s} beträgt die Konzentration 0.8 mol/L0.8 \text{ mol/L}. Nach 30 s30 \text{ s} ist sie auf 0.4 mol/L0.4 \text{ mol/L} gesunken. Berechne die mittlere Reaktionsgeschwindigkeit in diesem Zeitraum.

Fortschritt
3 / 3
  1. Schritt 1
    Art der Geschwindigkeit identifizieren

    Es ist ein Zeitraum gegeben (von 10 s bis 30 s). Wir berechnen also die mittlere Reaktionsgeschwindigkeit vˉ\bar{v}.

  2. Schritt 2
    Werte zuordnen

    Startzeitpunkt t1=10 st_1 = 10 \text{ s} mit c1=0.8 mol/Lc_1 = 0.8 \text{ mol/L}. Endzeitpunkt t2=30 st_2 = 30 \text{ s} mit c2=0.4 mol/Lc_2 = 0.4 \text{ mol/L}.

  3. Schritt 3 · Ergebnis
    Berechnen

    Wir setzen die Werte in die Formel für Edukte (mit Betragsstrichen) ein:

    vˉ=c2c1t2t1\bar{v} = \frac{|c_2 - c_1|}{t_2 - t_1}

    vˉ=0.4 mol/L0.8 mol/L30 s10 s\bar{v} = \frac{|0.4 \text{ mol/L} - 0.8 \text{ mol/L}|}{30 \text{ s} - 10 \text{ s}}

    vˉ=0.4 mol/L20 s\bar{v} = \frac{|-0.4 \text{ mol/L}|}{20 \text{ s}}

    vˉ=0.4 mol/L20 s\bar{v} = \frac{0.4 \text{ mol/L}}{20 \text{ s}}

    vˉ=0.02 mol/(Ls)\bar{v} = 0.02 \text{ mol/(L} \cdot \text{s)}

Ergebnis:

Die mittlere Reaktionsgeschwindigkeit beträgt 0.02 mol/(Ls)0.02 \text{ mol/(L} \cdot \text{s)}. Das Ergebnis ist positiv, was physikalisch Sinn ergibt.

Beispiel 1

Aufgabe

Du hast ein Konzentrations-Zeit-Diagramm vor dir. Um die momentane Reaktionsgeschwindigkeit genau zum Zeitpunkt t=20 st = 20 \text{ s} zu bestimmen, hast du eine Tangente an die Kurve gezeichnet. An deinem Steigungsdreieck liest du ab: Δc=0.6 mol/L\Delta c = 0.6 \text{ mol/L} und Δt=15 s\Delta t = 15 \text{ s}. Berechne die momentane Reaktionsgeschwindigkeit.

Fortschritt
3 / 3
  1. Schritt 1
    Art der Geschwindigkeit identifizieren

    Es geht um einen exakten Zeitpunkt (20 s20 \text{ s}) und eine Tangente. Wir berechnen die momentane Reaktionsgeschwindigkeit v(t)v(t).

  2. Schritt 2
    Werte aus dem Steigungsdreieck nutzen

    Die Werte aus dem Steigungsdreieck der Tangente sind bereits gegeben:

    Δc=0.6 mol/L\Delta c = 0.6 \text{ mol/L}

    Δt=15 s\Delta t = 15 \text{ s}

  3. Schritt 3 · Ergebnis
    Berechnen

    Wir teilen einfach die Konzentrationsänderung durch die Zeitänderung:

    v=ΔcΔtv = \frac{\Delta c}{\Delta t}

    v=0.6 mol/L15 sv = \frac{0.6 \text{ mol/L}}{15 \text{ s}}

    v=0.04 mol/(Ls)v = 0.04 \text{ mol/(L} \cdot \text{s)}

Ergebnis:

Die momentane Reaktionsgeschwindigkeit zum Zeitpunkt 20 s20 \text{ s} beträgt 0.04 mol/(Ls)0.04 \text{ mol/(L} \cdot \text{s)}.

Wichtige Erkenntnisse

  • Die Reaktionsgeschwindigkeit misst die Änderung von Masse, Volumen oder Konzentration pro Zeit.
  • Die mittlere Geschwindigkeit bezieht sich auf einen Zeitraum und entspricht der Steigung einer Sekante.
  • Die momentane Geschwindigkeit bezieht sich auf einen exakten Zeitpunkt und entspricht der Steigung einer Tangente.
  • Bei Edukten verwenden wir Betragsstriche Δc|\Delta c|, damit die Geschwindigkeit immer ein positiver Wert ist.

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Häufige Fragen

Was ist die chemische Reaktionsgeschwindigkeit?

Die chemische Reaktionsgeschwindigkeit gibt an, wie schnell bei einer chemischen Reaktion Edukte verbraucht oder Produkte gebildet werden. Man misst dazu die Änderung der Masse, des Volumens oder der Konzentration in einem bestimmten Zeitraum.

Was ist der Unterschied zwischen mittlerer und momentaner Reaktionsgeschwindigkeit?

Die mittlere Reaktionsgeschwindigkeit bezieht sich auf einen bestimmten Zeitraum und entspricht im Diagramm der Steigung einer Sekante. Die momentane Reaktionsgeschwindigkeit gibt das Tempo zu einem exakten Zeitpunkt an und wird über die Steigung der Tangente berechnet.

Wie berechnet man die Reaktionsgeschwindigkeit aus einem Diagramm?

Um die Geschwindigkeit zu berechnen, zeichnest du ein Steigungsdreieck an die Sekante (für einen Zeitraum) oder Tangente (für einen Zeitpunkt). Dann teilst du die Konzentrationsänderung Δc durch die Zeitänderung Δt.

Warum verwendet man Betragsstriche bei der Berechnung mit Edukten?

Da Edukte während der Reaktion verbraucht werden, ist ihre Konzentrationsänderung Δc negativ. Weil eine Geschwindigkeit aber nicht negativ sein kann, setzt man das Ergebnis in Betragsstriche, um einen positiven Wert zu erhalten.

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