Selbstinduktion und Wechselstromkreise einfach erklärt: Formeln & Beispiele

Alles zu Selbstinduktion und Wechselstromkreisen: Induktivität, Phasenverschiebung und Blindwiderstand einfach erklärt mit Schritt-für-Schritt-Beispielen.

📅 Aktualisiert 28. August 20266 Min. Lesezeit✍️ Rocket Tutor Redaktion
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Selbstinduktion und Wechselstromkreise einfach erklärt: Formeln & Beispiele

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Student thinking

Stell dir vor, du versuchst ein riesiges, schweres Wasserrad anzuschieben. Es kostet anfangs extrem viel Kraft und Zeit, bis es sich überhaupt dreht. Aber wenn es erst einmal in Schwung ist, lässt es sich kaum noch stoppen!

Wasserrad als Analogie zur Spule
Wasserrad als Analogie zur Spule

Genau so verhalten sich Spulen in elektrischen Stromkreisen. Sie sind extrem „träge“ und wehren sich gegen jede Veränderung. In dieser Lektion lernst du alles über das Thema Selbstinduktion und Wechselstromkreise. Du erfährst, wie wir diese Trägheit berechnen können, wie viel Energie darin gespeichert wird und was passiert, wenn wir solche Bauteile an eine Wechselspannung anschließen, die sich ständig ändert.

Vorwissen

  • Magnetfeld einer Spule: Eine stromdurchflossene Spule erzeugt ein Magnetfeld. Die Stärke hängt von der Windungszahl und dem Strom ab. Beispiel: Ein Elektromagnet auf dem Schrottplatz zieht Autos an, sobald der Strom eingeschaltet wird.
  • Wechselspannung: Eine Spannung, die ständig ihre Richtung und Stärke ändert (meist wellenförmig als Sinuskurve). Beispiel: Die Steckdose zu Hause liefert Wechselspannung, die 50-mal pro Sekunde die Richtung wechselt.

Aufgabentyp 1: Selbstinduktion, Induktivität und magnetische Energie

Schauen wir uns zunächst an, wie sich die Selbstinduktion beim Einschalten eines Stromkreises verhält.

Wenn du eine Spule an eine Gleichspannung anschließt, springt die Stromstärke nicht sofort auf ihren Maximalwert. Die Spule wehrt sich!

Praxisbezug: Stell dir die Spule wie das schwere Wasserrad vor. Wenn der Strom anfängt zu fließen, muss er das System erst mühsam in Schwung bringen.

Dieses Phänomen nennt man Selbstinduktion. Die Spule baut ein Magnetfeld auf. Nach der Lenzschen Regel erzeugt dieses wachsende Magnetfeld eine Gegenspannung, die den Stromanstieg bremst. Deshalb steigt die Stromstärke in einem I(t)-Diagramm in einer typischen, gekrümmten Kurve an, bis sie ihr Maximum erreicht.

Diagramm Stromanstieg bei Selbstinduktion
Diagramm Stromanstieg bei Selbstinduktion

Wie stark sich die Spule wehrt, beschreibt ihre Induktivität (L\textcolor{#53E5D6}{L}). Sie hängt von der Bauform ab:

L=μ0μrN2Al\textcolor{#53E5D6}{L} = \mu_0 \cdot \mu_r \cdot \frac{N^2 \cdot A}{l}

Dabei ist NN die Windungszahl, AA die Querschnittsfläche und ll die Länge. μ0\mu_0 ist die magnetische Feldkonstante und μr\mu_r beschreibt das Material im Inneren (z. B. einen Eisenkern).

In diesem Magnetfeld wird magnetische Energie (EmagE_{mag}) gespeichert:

Emag=12LI2E_{mag} = \frac{1}{2} \cdot \textcolor{#53E5D6}{L} \cdot \textcolor{#9570FF}{I}^2

Wichtig: Erhöhst du die Windungszahl NN, steigt die Induktivität quadratisch an. Da die magnetische Energie direkt von der Induktivität abhängt, vervierfacht sich die gespeicherte Energie, wenn du die Windungszahl verdoppelst!

Schritt-für-Schritt-Anleitung

  1. Schritt 1: Werte notieren und Einheiten anpassen – Schreibe alle gegebenen Werte auf. Wandle Flächen zwingend in m2\text{m}^2 und Längen in m\text{m} um.
  2. Schritt 2: Induktivität berechnen – Setze die Werte in die Formel L=μ0μrN2Al\textcolor{#53E5D6}{L} = \mu_0 \cdot \mu_r \cdot \frac{N^2 \cdot A}{l} ein. Die Einheit des Ergebnisses ist Henry (H\text{H}).
  3. Schritt 3: Magnetische Energie berechnen – Nutze die berechnete Induktivität und die Stromstärke in der Formel Emag=12LI2E_{mag} = \frac{1}{2} \cdot \textcolor{#53E5D6}{L} \cdot \textcolor{#9570FF}{I}^2. Die Einheit ist Joule (J\text{J}).

Durchgerechnete Beispiele

Beispiel 1

Aufgabe

An eine Gleichspannung wird eine lange Spule (50005000 Windungen) mit einer Querschnittsfläche von 20 cm220 \text{ cm}^2 und einer Länge von 30 cm30 \text{ cm} angeschlossen. Im Inneren der Spule befindet sich ein Eisenkern (μr=1200\mu_r = 1200). Durch die Spule fließt ein Strom von 0.5 A0.5 \text{ A}.

Skizziere schematisch das I(t)-Diagramm für den Einschaltvorgang. Berechne anschließend die Induktivität der Spule und die im Magnetfeld gespeicherte Energie. Verwende μ0=4π107 Vs/(Am)\mu_0 = 4\pi \cdot 10^{-7} \text{ Vs/(Am)}.

Fortschritt
3 / 3
  1. Schritt 1
    Werte notieren und Einheiten anpassen

    Gegeben: N=5000N = 5000 A=20 cm2=0.002 m2A = 20 \text{ cm}^2 = 0.002 \text{ m}^2 l=30 cm=0.3 ml = 30 \text{ cm} = 0.3 \text{ m} μr=1200\mu_r = 1200 μ0=4π107 Vs/(Am)\mu_0 = 4\pi \cdot 10^{-7} \text{ Vs/(Am)} I=0.5 A\textcolor{#9570FF}{I} = \textcolor{#9570FF}{0.5 \text{ A}}

    Das I(t)-Diagramm zeigt einen gekrümmten Anstieg, da die Selbstinduktion den Strom bremst, bis er 0.5 A0.5 \text{ A} erreicht.

    I-t-Diagramm Einschaltvorgang Spule
    I-t-Diagramm Einschaltvorgang Spule
  2. Schritt 2
    Induktivität berechnen

    L=μ0μrN2Al\textcolor{#53E5D6}{L} = \mu_0 \cdot \mu_r \cdot \frac{N^2 \cdot A}{l}

    L=4π107 Vs/(Am)1200500020.002 m20.3 m\textcolor{#53E5D6}{L} = 4\pi \cdot 10^{-7} \text{ Vs/(Am)} \cdot 1200 \cdot \frac{5000^2 \cdot 0.002 \text{ m}^2}{0.3 \text{ m}}

    L0.001508 Vs/(Am)166666.67 m\textcolor{#53E5D6}{L} \approx 0.001508 \text{ Vs/(Am)} \cdot 166666.67 \text{ m}

    L251.3 H\textcolor{#53E5D6}{L} \approx \textcolor{#53E5D6}{251.3 \text{ H}}

  3. Schritt 3 · Ergebnis
    Magnetische Energie berechnen

    Emag=12LI2E_{mag} = \frac{1}{2} \cdot \textcolor{#53E5D6}{L} \cdot \textcolor{#9570FF}{I}^2

    Emag=0.5251.3 H(0.5 A)2E_{mag} = 0.5 \cdot \textcolor{#53E5D6}{251.3 \text{ H}} \cdot (\textcolor{#9570FF}{0.5 \text{ A}})^2

    Emag=0.5251.3 H0.25 A2E_{mag} = 0.5 \cdot \textcolor{#53E5D6}{251.3 \text{ H}} \cdot 0.25 \text{ A}^2

    Emag31.4 JE_{mag} \approx 31.4 \text{ J}

Ergebnis:

Die Induktivität der Spule beträgt ca. 251.3 H\textcolor{#53E5D6}{251.3 \text{ H}} und die gespeicherte magnetische Energie liegt bei 31.4 J31.4 \text{ J}. Realitäts-Check: Die Einheit Joule ist korrekt für Energie. Der Wert der Induktivität ist sehr hoch, was durch die extrem hohe Windungszahl und den Eisenkern physikalisch logisch ist.


Aufgabentyp 2: Phasenverschiebungen und Wechselstrom-Blindwiderstand

Im nächsten Schritt betrachten wir, wie sich Spulen und Kondensatoren in Wechselstromkreisen verhalten.

Wenn wir Bauteile an eine Wechselspannung anschließen, ändert sich die Spannung ständig wellenförmig. Wie reagieren Spule und Kondensator darauf?

Die Spule: Wegen der Selbstinduktion wehrt sich die Spule gegen Stromänderungen. Der Strom kommt also immer etwas zu spät. Man sagt: An der Spule hinkt die Stromstärke der Spannung um 90 Grad nach.

Der Kondensator: Ein Kondensator ist wie ein Eimer für elektrische Ladung. Wenn er leer ist, fließt der Strom am stärksten hinein, noch bevor die Spannung ihr Maximum erreicht hat. Man sagt: Am Kondensator eilt die Stromstärke der Spannung um 90 Grad voraus.

Phasenverschiebung Spule und Kondensator
Phasenverschiebung Spule und Kondensator

Beide Bauteile setzen dem Wechselstrom einen Widerstand entgegen, den sogenannten Blindwiderstand. Dieser hängt von der Frequenz (ff) ab:

  • Spule (XLX_L): Je schneller die Wechselspannung wechselt (hohe Frequenz), desto stärker wehrt sich die Spule. XL=2πfLX_L = 2\pi \cdot f \cdot \textcolor{#53E5D6}{L}

  • Kondensator (XCX_C): Je schneller die Wechselspannung wechselt, desto leichter fließt der Strom in den Kondensator. XC=12πfCX_C = \frac{1}{2\pi \cdot f \cdot C}

Bei einer ganz bestimmten Frequenz (der Resonanzfrequenz) sind beide Widerstände exakt gleich groß. Dann sind auch die maximalen Stromstärken durch beide Bauteile gleich.

Schritt-für-Schritt-Anleitung

  1. Schritt 1: Formeln gleichsetzen – Wenn die Strommaxima gleich groß sein sollen, müssen die Blindwiderstände gleich sein. Setze XL=XCX_L = X_C.
  2. Schritt 2: Nach der Frequenz auflösen – Ersetze XLX_L durch 2πfL2\pi \cdot f \cdot \textcolor{#53E5D6}{L} und XCX_C durch 12πfC\frac{1}{2\pi \cdot f \cdot C}. Stelle die Gleichung mit Algebra nach ff um. Das führt zur Formel: f=12πLCf = \frac{1}{2\pi \cdot \sqrt{\textcolor{#53E5D6}{L} \cdot C}}.
  3. Schritt 3: Werte einsetzen – Setze die Induktivität (L\textcolor{#53E5D6}{L}) und die Kapazität (CC) in die umgestellte Formel ein und berechne das Ergebnis in Hertz (Hz\text{Hz}).

Durchgerechnete Beispiele

Beispiel 2

Aufgabe

Im Bild oben ist der Verlauf einer sinusförmigen Wechselspannung dargestellt. An diese Wechselspannung wird zuerst eine Spule (L=0.5 H\textcolor{#53E5D6}{L} = \textcolor{#53E5D6}{0.5 \text{ H}}) und anschließend ein Kondensator (C=20 μFC = 20 \text{ } \mu\text{F}) angeschlossen.

Skizziere für die beiden Fälle jeweils ein I(t)-Diagramm im Vergleich zur Spannung. Berechne anschließend, bei welcher Frequenz ff die maximale Stromstärke (und damit der Blindwiderstand) beim Kondensator und bei der Spule gleich groß sind.

Fortschritt
4 / 4
  1. Schritt 1
    Skizze der Phasenverschiebung

    Für die Spule zeichnen wir die Stromkurve nach rechts verschoben (hinkt nach). Für den Kondensator zeichnen wir sie nach links verschoben (eilt voraus).

    Skizze Phasenverschiebung Spule Kondensator
    Skizze Phasenverschiebung Spule Kondensator
  2. Schritt 2
    Formeln gleichsetzen

    Wir fordern, dass die Blindwiderstände gleich sind:

    XL=XCX_L = X_C

    2πfL=12πfC2\pi \cdot f \cdot \textcolor{#53E5D6}{L} = \frac{1}{2\pi \cdot f \cdot C}

  3. Schritt 3
    Nach der Frequenz auflösen

    Wir multiplizieren beide Seiten mit ff und teilen durch 2πL2\pi \cdot \textcolor{#53E5D6}{L}:

    f2=1(2π)2LCf^2 = \frac{1}{(2\pi)^2 \cdot \textcolor{#53E5D6}{L} \cdot C}

    Wir ziehen die Wurzel auf beiden Seiten:

    f=12πLCf = \frac{1}{2\pi \cdot \sqrt{\textcolor{#53E5D6}{L} \cdot C}}

  4. Schritt 4 · Ergebnis
    Werte einsetzen

    Gegeben sind L=0.5 H\textcolor{#53E5D6}{L} = \textcolor{#53E5D6}{0.5 \text{ H}} und C=20 μF=20106 FC = 20 \text{ } \mu\text{F} = 20 \cdot 10^{-6} \text{ F}.

    f=12π0.5 H20106 Ff = \frac{1}{2\pi \cdot \sqrt{\textcolor{#53E5D6}{0.5 \text{ H}} \cdot 20 \cdot 10^{-6} \text{ F}}}

    f=12π10106 s2f = \frac{1}{2\pi \cdot \sqrt{10 \cdot 10^{-6} \text{ s}^2}}

    f=12π0.00001 s2f = \frac{1}{2\pi \cdot \sqrt{0.00001 \text{ s}^2}}

    f12π0.00316 sf \approx \frac{1}{2\pi \cdot 0.00316 \text{ s}}

    f50.3 Hzf \approx 50.3 \text{ Hz}

Ergebnis:

Die maximale Stromstärke ist bei einer Frequenz von ca. 50.3 Hz50.3 \text{ Hz} bei beiden Bauteilen gleich groß. Realitäts-Check: Die Einheit Hertz (Hz\text{Hz}) ist korrekt für die Frequenz. Der Wert liegt im Bereich der normalen Netzspannung (50 Hz50 \text{ Hz}), was ein realistisches Ergebnis ist.


Wichtige Erkenntnisse

  • Selbstinduktion: Eine Spule wehrt sich gegen Stromänderungen. Beim Einschalten steigt der Strom verzögert in einer Kurve an.
  • Induktivität (L\textcolor{#53E5D6}{L}): Gibt an, wie stark sich die Spule wehrt. Sie steigt quadratisch mit der Windungszahl.
  • Phasenverschiebung: An der Spule hinkt der Strom der Spannung um 90° nach. Am Kondensator eilt der Strom um 90° voraus.
  • Blindwiderstand: Der Widerstand der Spule (XLX_L) steigt mit der Frequenz, der Widerstand des Kondensators (XCX_C) sinkt mit der Frequenz.

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Häufige Fragen

Was ist Selbstinduktion und wie wirkt sie in Wechselstromkreisen?

Selbstinduktion entsteht, wenn sich der Stromfluss durch eine Spule ändert. Die Spule baut ein Magnetfeld auf, das nach der Lenzschen Regel eine Gegenspannung erzeugt. Diese wehrt sich gegen die Stromänderung, weshalb der Strom in Wechselstromkreisen immer verzögert ansteigt.

Wie berechnet man die Induktivität einer Spule?

Die Induktivität L hängt von der Bauform ab. Du berechnest sie mit der Formel L = μ₀ · μr · (N² · A) / l. Dabei ist N die Windungszahl, A die Querschnittsfläche und l die Länge der Spule. Je mehr Windungen, desto größer die Induktivität.

Was ist der Unterschied zwischen Spule und Kondensator bei Wechselstrom?

An der Spule hinkt der Strom der Spannung um 90 Grad nach, weil sie sich gegen Stromänderungen wehrt. Am Kondensator eilt der Strom der Spannung um 90 Grad voraus, da er sich erst aufladen muss, bevor die Spannung ihr Maximum erreicht.

Was ist der Blindwiderstand?

Der Blindwiderstand ist der Widerstand, den Spulen und Kondensatoren dem Wechselstrom entgegensetzen. Bei einer Spule steigt er mit der Frequenz, bei einem Kondensator sinkt er. Bei der Resonanzfrequenz sind beide Widerstände exakt gleich groß.

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