Spannung, Überspannung und Reaktionsvorhersage einfach erklärt

Lerne, was Spannung, Überspannung und Reaktionsvorhersage bei der Elektrolyse bedeuten. Schritt für Schritt erklärt mit anschaulichen Beispielen.

📅 Aktualisiert 2. September 20265 Min. Lesezeit✍️ Rocket Tutor Redaktion
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Spannung, Überspannung und Reaktionsvorhersage einfach erklärt

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Student thinking

Stell dir vor, du möchtest eine schwere Kiste verschieben. Theoretisch hast du ausgerechnet, dass ein leichter Schubs ausreichen sollte. In der Realität klemmt die Kiste aber am Boden, und du musst viel fester drücken, als du dachtest, um sie in Bewegung zu setzen.

Kiste verschieben als Analogie zur Elektrolyse
Kiste verschieben als Analogie zur Elektrolyse

Genau das Gleiche passiert bei der Elektrolyse! In diesem Artikel zum Thema Spannung, Überspannung und Reaktionsvorhersage lernst du, warum wir in der Realität fast immer eine höhere Spannung anlegen müssen. Wir können zwar berechnen, wie viel elektrische Spannung wir theoretisch brauchen, um eine chemische Reaktion zu erzwingen. Aber in der Praxis wehrt sich die Chemie oft: Es entstehen kleine „Gegen-Batterien“ im Becherglas oder die Reaktionen sind einfach „träge“. Hier erfährst du, wie du mit der Überspannung wie ein Profi vorhersagen kannst, welche Stoffe bei einer Elektrolyse wirklich entstehen.

Vorwissen

  • Elektrolyse: Die Umkehrung eines galvanischen Elements. Wir nutzen elektrische Energie (eine äußere Spannungsquelle), um eine chemische Reaktion zu erzwingen, die nicht freiwillig abläuft.

    Beispiel: Wasser wird durch Strom in Wasserstoff und Sauerstoff gespalten.

  • Standard-Redoxpotenzial (EE^\circ): Ein Maß dafür, wie stark ein Stoff Elektronen anzieht. Gemessen in Volt (V\text{V}).

    Beispiel: Kupfer hat ein positives Potenzial (+0,34 V+0,34 \text{ V}), Zink ein negatives (0,76 V-0,76 \text{ V}).

  • Anode und Kathode:

    • Anode (Pluspol bei der Elektrolyse): Hier findet die Oxidation (Elektronenabgabe) statt.

    • Kathode (Minuspol bei der Elektrolyse): Hier findet die Reduktion (Elektronenaufnahme) statt.

Aufgabentyp 1: Polarisation und Zersetzungsspannung

Wenn wir eine Elektrolyse starten und die Spannung langsam aufdrehen, passiert zunächst scheinbar nichts. Es fließt nur ein winziger, kaum messbarer Strom, der sogenannte Diffusionsstrom. Warum startet die Reaktion nicht sofort?

Sobald wir auch nur eine winzige Spannung anlegen, entstehen sofort winzige Mengen der Produkte (z. B. Wasserstoff- und Chlorgas). Diese Gase steigen aber nicht auf, sondern kleben an den Elektroden fest (sie adsorbieren). Dadurch verwandeln sich unsere normalen Elektroden plötzlich in Gaselektroden.

Gaselektroden bilden eine Gegen-Batterie
Gaselektroden bilden eine Gegen-Batterie

Diese Gaselektroden bilden nun ungewollt ein eigenes kleines galvanisches Element in unserem Becherglas. Dieses Element erzeugt eine eigene Spannung, die unserer äußeren Stromquelle genau entgegenwirkt! Diesen Effekt nennt man Polarisation.

Um die Elektrolyse wirklich in Gang zu bringen, müssen wir diese „Gegen-Batterie“ besiegen. Die Mindestspannung, die wir von außen anlegen müssen, um die Polarisation zu überwinden und eine kontinuierliche Reaktion zu starten, heißt Zersetzungsspannung (UZU_{\text{Z}}).

Strom-Spannungs-Diagramm mit Zersetzungsspannung
Strom-Spannungs-Diagramm mit Zersetzungsspannung

Im Diagramm erkennst du die Zersetzungsspannung an dem Punkt, ab dem die Stromstärke plötzlich steil und linear ansteigt. Ab hier gilt das Ohmsche Gesetz. Wir können die Zersetzungsspannung berechnen, indem wir die Potenziale der beiden Elektroden (die sogenannten Abscheidungspotenziale EAE_{\text{A}}) voneinander abziehen:

UZ=EA(Anode)EA(Kathode)U_{\text{Z}} = E_{\text{A}}(\text{Anode}) - E_{\text{A}}(\text{Kathode})

Aufgabentyp 2: Überspannung und Überpotenzial

Oft reicht die theoretisch berechnete Zersetzungsspannung in der Realität immer noch nicht aus. Wenn wir das Experiment durchführen, messen wir oft einen viel höheren Spannungsbedarf.

Die Differenz zwischen der Spannung, die wir im Labor tatsächlich messen, und der Spannung, die wir auf dem Papier berechnet haben, nennt man Überspannung (Uu¨U_{\text{ü}}) für die gesamte Zelle:

Uu¨=UZ(gemessen)UZ(berechnet)U_{\text{ü}} = U_{\text{Z}}(\text{gemessen}) - U_{\text{Z}}(\text{berechnet})

Warum brauchen wir diese Extra-Power? Manche chemischen Reaktionen sind sehr „träge“. Sie benötigen eine hohe Aktivierungsenergie, um überhaupt stattzufinden. Diese zusätzliche Energie liefern wir in Form von elektrischer Spannung.

Wenn wir uns nicht die ganze Zelle, sondern nur eine einzelne Elektrode ansehen, sprechen wir vom Überpotenzial (EUE_{\text{U}}). Um das tatsächliche Abscheidungspotenzial (EAE_{\text{A}}) einer Elektrode zu finden, müssen wir das Standard-Redoxpotenzial (EE) und das Überpotenzial (EUE_{\text{U}}) addieren:

EA=E(Red/Ox)+EUE_{\text{A}} = E(\text{Red/Ox}) + E_{\text{U}}

Wovon hängt das Überpotenzial ab?

  • Aggregatzustand: Bei der Abscheidung von festen Metallen (z. B. Kupfer oder Zink) ist das Überpotenzial fast null. Bei der Entwicklung von Gasen (z. B. Sauerstoff oder Wasserstoff) ist es extrem hoch!

  • Elektrodenmaterial: An einer glatten Elektrode entstehen Gase schwerer als an einer rauen. Wenn man Elektroden platiniert (mit einer rauen Platinschicht überzieht), sinkt das Überpotenzial deutlich.

  • Weitere Faktoren: Temperatur, Stromdichte und die Konzentration der Ionen beeinflussen das Überpotenzial ebenfalls.

Aufgabentyp 3: Vorhersage von Elektrolysereaktionen

In einer wässrigen Lösung schwimmen oft viele verschiedene Ionen herum. Außerdem ist da noch das Wasser selbst. Wenn wir Strom anlegen, wer darf dann zuerst reagieren?

Hier gilt eine eiserne Regel: Der Weg des geringsten Widerstands gewinnt!

Es läuft immer genau die Teilreaktion ab, die das geringste tatsächliche Abscheidungspotenzial (inklusive Überpotenzial!) benötigt. Für die gesamte Zelle bedeutet das: Der Gesamtvorgang, der abläuft, ist derjenige mit der geringsten Zersetzungsspannung (UZU_{\text{Z}}).

Achtung Falle: Aktive Elektroden! Oft bestehen Elektroden aus reaktionsträgem Material wie Graphit oder Platin. Wenn wir aber unedlere Metalle wie Kupfer als Elektrode verwenden, können diese selbst an der Reaktion teilnehmen!

Kupferelektrode als aktive Elektrode
Kupferelektrode als aktive Elektrode

Wenn es für die Batterie „leichter“ (also spannungsärmer) ist, die Kupferelektrode aufzulösen, anstatt Ionen aus dem Wasser reagieren zu lassen, dann wird die Elektrode zersetzt. Wir nennen das eine aktive Elektrode.

Schritt-für-Schritt-Anleitung

  1. Alle möglichen Kandidaten sammeln: Notiere alle Teilchen, die an der Anode (Oxidation) und an der Kathode (Reduktion) reagieren könnten. Vergiss dabei das Wasser (H2O\text{H}_2\text{O}) und das Material der Elektrode nicht!
  2. Abscheidungspotenziale (EAE_{\text{A}}) ermitteln: Suche die Standardpotenziale (EE^\circ) aus einer Tabelle. Addiere für Gase das entsprechende Überpotenzial (EUE_{\text{U}}) dazu, um das tatsächliche Abscheidungspotenzial zu erhalten: EA=E+EUE_{\text{A}} = E^\circ + E_{\text{U}}.
  3. Den Gewinner bestimmen: An der Kathode (Minuspol) gewinnt der Stoff mit dem höchsten (positivsten) Abscheidungspotenzial. An der Anode (Pluspol) gewinnt der Stoff mit dem niedrigsten (negativsten) Abscheidungspotenzial.
  4. Kontrolle: Berechne die Zersetzungsspannung: UZ=EA(Anode)EA(Kathode)U_{\text{Z}} = E_{\text{A}}(\text{Anode}) - E_{\text{A}}(\text{Kathode}). Die Kombination mit dem kleinsten UZU_{\text{Z}} findet in der Realität statt.

Durchgerechnete Beispiele

Beispiel 1

Aufgabe

Wir elektrolysieren eine neutrale Zinkchloridlösung (ZnCl2\text{ZnCl}_2 in Wasser) mit reaktionsträgen Graphitelektroden.

Gegeben sind folgende tatsächliche Abscheidungspotenziale (inklusive Überpotenziale an Graphit): Wasser zu Wasserstoff (Kathode): EA=1,00 VE_{\text{A}} = -1,00 \text{ V} Zink-Ionen zu Zink (Kathode): EA=0,76 VE_{\text{A}} = -0,76 \text{ V} Wasser zu Sauerstoff (Anode): EA=+2,31 VE_{\text{A}} = +2,31 \text{ V} Chlorid-Ionen zu Chlor (Anode): EA=+1,61 VE_{\text{A}} = +1,61 \text{ V}

Welche Stoffe scheiden sich an den Elektroden ab? Berechne die benötigte Zersetzungsspannung.

Fortschritt
4 / 4
  1. Schritt 1
    Alle möglichen Kandidaten sammeln

    An der Kathode konkurrieren Wasser und Zink-Ionen. An der Anode konkurrieren Wasser und Chlorid-Ionen.

  2. Schritt 2
    Abscheidungspotenziale ($E_{\text{A}}$) ermitteln

    Die Werte sind bereits in der Aufgabe gegeben.

  3. Schritt 3
    Den Gewinner bestimmen

    An der Kathode gewinnt der höchste Wert: Zink (0,76 V-0,76 \text{ V}) gewinnt gegen Wasser (1,00 V-1,00 \text{ V}). An der Anode gewinnt der niedrigste Wert: Chlorid (+1,61 V+1,61 \text{ V}) gewinnt gegen Wasser (+2,31 V+2,31 \text{ V}).

  4. Schritt 4 · Ergebnis
    Zersetzungsspannung berechnen

    UZ=EA(Anode)EA(Kathode)U_{\text{Z}} = E_{\text{A}}(\text{Anode}) - E_{\text{A}}(\text{Kathode})

    UZ=1,61 V(0,76 V)U_{\text{Z}} = 1,61 \text{ V} - (-0,76 \text{ V})

    UZ=2,37 VU_{\text{Z}} = 2,37 \text{ V}

Ergebnis:

Es scheiden sich Zink und Chlorgas ab. Die benötigte Zersetzungsspannung ist 2,37 V2,37 \text{ V}. (Hinweis: Ohne die hohe Überspannung von Gasen hätte sich theoretisch Wasser zersetzt!)

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Quizfrage 1 zu Spannung, Überspannung und Reaktionsvorhersage

Welcher Vorgang findet bei der Elektrolyse an der Anode statt?

Quizfrage 2 zu Spannung, Überspannung und Reaktionsvorhersage

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Wodurch entsteht die Polarisation bei einer Elektrolyse?

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Übungsaufgabe zu Spannung, Überspannung und Reaktionsvorhersage

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Beispiel 2

Aufgabe

Wir elektrolysieren Salzsäure (H+\text{H}^+ und Cl\text{Cl}^- in Wasser). Diesmal verwenden wir jedoch Kupferelektroden.

Gegeben sind die Abscheidungspotenziale: Wasserstoff-Ionen zu Wasserstoff (Kathode): EA=0,50 VE_{\text{A}} = -0,50 \text{ V} Chlorid-Ionen zu Chlor (Anode): EA=+1,61 VE_{\text{A}} = +1,61 \text{ V} Kupferelektrode zu Kupfer-Ionen (Anode): EA=+0,34 VE_{\text{A}} = +0,34 \text{ V}

Welche Reaktion findet an der Anode statt?

Fortschritt
3 / 3
  1. Schritt 1
    Alle möglichen Kandidaten sammeln

    An der Anode konkurrieren die Chlorid-Ionen im Wasser und das Kupfer der Elektrode selbst.

  2. Schritt 2
    Abscheidungspotenziale ($E_{\text{A}}$) ermitteln

    Chlorid zu Chlor: +1,61 V+1,61 \text{ V} Kupfer zu Kupfer-Ionen: +0,34 V+0,34 \text{ V}

  3. Schritt 3 · Ergebnis
    Den Gewinner bestimmen

    An der Anode gewinnt der Stoff mit dem niedrigsten Potenzial. Da +0,34 V+0,34 \text{ V} deutlich kleiner ist als +1,61 V+1,61 \text{ V}, gewinnt das Kupfer.

Ergebnis:

Es entsteht kein Chlorgas! Stattdessen löst sich die Kupferelektrode auf (aktive Elektrode) und Kupfer-Ionen wandern in die Lösung.

Wichtige Erkenntnisse

  • Zersetzungsspannung (UZU_{\text{Z}}): Die Mindestspannung, die nötig ist, um die Elektrolyse dauerhaft am Laufen zu halten.

  • Überspannung: Gase (wie Sauerstoff oder Wasserstoff) wehren sich gegen ihre Entstehung. Sie benötigen eine extra Portion Spannung (Überpotenzial), Metalle hingegen kaum.

  • Die goldene Regel: Bei mehreren Möglichkeiten läuft immer die Reaktion ab, die insgesamt die geringste Zersetzungsspannung erfordert.

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Häufige Fragen

Was ist die Zersetzungsspannung bei der Elektrolyse?

Die Zersetzungsspannung ist die Mindestspannung, die du von außen anlegen musst, um eine Elektrolyse dauerhaft in Gang zu halten. Sie muss groß genug sein, um die sogenannte Polarisation – also die ungewollte „Gegen-Batterie“ im Becherglas – zu überwinden.

Was bedeutet Überspannung in der Chemie?

Die Überspannung ist die Differenz zwischen der theoretisch berechneten und der in der Realität tatsächlich benötigten Spannung. Besonders bei der Entstehung von Gasen wie Sauerstoff oder Wasserstoff ist eine hohe Überspannung nötig, da diese Reaktionen sehr „träge“ sind.

Wie funktioniert die Reaktionsvorhersage bei der Elektrolyse?

Bei der Reaktionsvorhersage gilt die goldene Regel: Der Weg des geringsten Widerstands gewinnt. Es läuft immer die Teilreaktion ab, die das geringste tatsächliche Abscheidungspotenzial (inklusive Überpotenzial) benötigt. Die Gesamtreaktion ist diejenige mit der kleinsten Zersetzungsspannung.

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