Freie Enthalpie & chemisches Gleichgewicht einfach erklärt

Erfahre, wie freie Enthalpie und Entropie das chemische Gleichgewicht bestimmen. Lerne die Berechnung der Gleichgewichtskonstanten mit Beispielen.

📅 Aktualisiert 2. September 20264 Min. Lesezeit✍️ Rocket Tutor Redaktion
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Freie Enthalpie & chemisches Gleichgewicht einfach erklärt

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Student thinking

Hast du dich jemals gefragt, warum ein Diamant nicht einfach zu Kohle zerfällt? Aus rein energetischer Sicht müsste er das tun! Oder warum manche chemische Reaktionen einfach auf halbem Weg stehen bleiben und nicht alle Ausgangsstoffe verbraucht werden?

Diamant und Kohle
Diamant und Kohle

In diesem Artikel lüften wir das Geheimnis rund um die freie Enthalpie und das chemische Gleichgewicht. Wir schauen uns an, wie die Natur einen Kompromiss zwischen Energie und Unordnung schließt und wie wir mit ein wenig Mathematik genau vorhersagen können, wie viel Produkt am Ende einer Reaktion tatsächlich entsteht.

Vorwissen

  • Entropie (SS): Ein Maß für die Unordnung oder die Verteilungsmöglichkeiten in einem System. Die Natur strebt nach maximaler Entropie. Beispiel: Ein Tropfen Tinte verteilt sich von selbst im Wasser, weil dieser Zustand unordentlicher ist.
  • Freie Reaktionsenthalpie (ΔrG\Delta_rG): Gibt an, ob eine Reaktion freiwillig (spontan) abläuft. Beispiel: Ist ΔrG<0\Delta_rG < 0 (exergon), läuft die Reaktion freiwillig ab.
  • Massenwirkungsgesetz (KcK_c): Beschreibt das Verhältnis von Produkten zu Edukten im Gleichgewicht. Beispiel: Ein großes KcK_c bedeutet, dass es im Gleichgewicht viele Produkte gibt.

Aufgabentyp 1: Warum Reaktionen im Gleichgewicht enden

Wir wissen bereits, dass chemische Reaktionen freiwillig ablaufen, wenn die Gesamtentropie (die „Unordnung“) zunimmt. Man könnte also denken, dass eine Reaktion erst dann stoppt, wenn alle Edukte (Ausgangsstoffe) vollständig zu Produkten reagiert haben. Doch das ist oft nicht der Fall!

Warum bleiben Reaktionen stehen? Der Grund ist die Vermischung. Wenn in einem Gefäß sowohl Edukte als auch Produkte gleichzeitig vorhanden sind, sind sie wild durcheinandergemischt. Diese bunte Mischung aus verschiedenen Teilchen bedeutet eine viel höhere Entropie, als wenn nur reine Produkte vorliegen würden.

Entropie und Vermischung
Entropie und Vermischung

Während die Reaktion abläuft, steigt die Entropie immer weiter an. Sobald der absolute Maximalwert der Gesamtentropie erreicht ist, geht es nicht mehr weiter. Jeder weitere Schritt – egal in welche Richtung – würde die Entropie wieder verringern. Die Reaktion läuft also nicht mehr spontan ab. Genau diesen Zustand der maximalen Entropie nennen wir das chemische Gleichgewicht.

Aufgabentyp 2: Die freie Standardenthalpie und die Ausbeute

Um vorherzusagen, wie viel Produkt wir am Ende wirklich erhalten (die Ausbeute), nutzen wir die freie Standardreaktionsenthalpie, abgekürzt ΔrG\Delta_rG^\circ. Für Reaktionen bei Raumtemperatur (25C25^\circ\text{C}) gibt es eine einfache Faustregel mit drei Zonen:

  • Zone 1: Nahezu vollständige Reaktion Ist ΔrG30 kJ\Delta_rG^\circ \le -30\text{ kJ}, läuft die Reaktion fast komplett ab. Die Ausbeute liegt bei ca. 100 %. Im Gleichgewicht gibt es fast nur Produkte.
  • Zone 2: Gleichgewichtsreaktionen Liegt der Wert zwischen 30 kJ-30\text{ kJ} und +30 kJ+30\text{ kJ}, haben wir eine typische Gleichgewichtsreaktion. Weder Edukte noch Produkte verschwinden komplett.
    • Ist ΔrG<0\Delta_rG^\circ < 0, überwiegen die Produkte.
    • Ist ΔrG0\Delta_rG^\circ \approx 0, haben wir etwa 50 % Edukte und 50 % Produkte.
    • Ist ΔrG>0\Delta_rG^\circ > 0, überwiegen die Edukte.
  • Zone 3: Keine Reaktion Ist ΔrG+30 kJ\Delta_rG^\circ \ge +30\text{ kJ}, findet praktisch keine Reaktion statt. Die Ausbeute liegt bei ca. 0 %.
Zonen der Ausbeute
Zonen der Ausbeute

Aufgabentyp 3: Berechnung der Gleichgewichtskonstanten

Wir können den genauen Zahlenwert der Gleichgewichtskonstanten direkt aus der freien Standardreaktionsenthalpie berechnen. Dafür nutzen wir folgende Formel:

[Kc]eΔrGRT[\textcolor{#53E5D6}{K_c}] \approx e^{-\frac{\textcolor{#08BFFF}{\Delta_rG^\circ}}{R \cdot T}}

Lass uns die Bestandteile klären:

  • [Kc][\textcolor{#53E5D6}{K_c}] ist der Zahlenwert der Konstanten ohne Einheit. (Mathematisch gesehen darf man Logarithmen und Exponentialfunktionen nur auf einheitenlose Zahlen anwenden).
  • ee ist die Eulersche Zahl (ca. 2,7182,718), die du als Taste auf deinem Taschenrechner findest.
  • RR ist die ideale Gaskonstante: 8,314 J/(molK)8,314\text{ J}/(\text{mol} \cdot \text{K}).
  • TT ist die absolute Temperatur in Kelvin (K\text{K}).

Wichtig: Weil RR die Einheit Joule (J\text{J}) enthält, musst du ΔrG\textcolor{#08BFFF}{\Delta_rG^\circ} vor dem Rechnen immer von Kilojoule (kJ\text{kJ}) in Joule (J\text{J}) umrechnen!

Schritt-für-Schritt-Anleitung

  1. Einheiten anpassen: Rechne die Temperatur in Kelvin um und ΔrG\Delta_rG^\circ in Joule.
  2. Exponenten berechnen: Berechne den Bruch ΔrGRT-\frac{\Delta_rG^\circ}{R \cdot T} und achte auf die Vorzeichen.
  3. In die e-Funktion einsetzen: Nutze die exe^x-Taste auf deinem Taschenrechner, um den Wert für [Kc][K_c] zu erhalten.

Durchgerechnete Beispiele

Beispiel 0

Aufgabe

Für eine Reaktion bei 25C25^\circ\text{C} beträgt die freie Standardreaktionsenthalpie ΔrG=12,0 kJ/mol\textcolor{#08BFFF}{\Delta_rG^\circ} = -12,0\text{ kJ/mol}. Berechne den Zahlenwert der Gleichgewichtskonstanten [Kc][\textcolor{#53E5D6}{K_c}]. (Hinweis: Gehe davon aus, dass sich die Einheit mol im Bruch vollständig wegkürzt).

Fortschritt
3 / 3
  1. Schritt 1
    Einheiten anpassen

    Temperatur: T=25+273,15=298,15 KT = 25 + 273,15 = 298,15\text{ K} Enthalpie: ΔrG=12,0 kJ/mol=12000 J/mol\textcolor{#08BFFF}{\Delta_rG^\circ} = -12,0\text{ kJ/mol} = -12000\text{ J/mol}

  2. Schritt 2
    Exponenten berechnen

    Wir setzen die Werte in den Exponenten ΔrGRT-\frac{\textcolor{#08BFFF}{\Delta_rG^\circ}}{R \cdot T} ein:

    12000 J/mol8,314 J/(molK)298,15 K-\frac{-12000\text{ J/mol}}{8,314\text{ J}/(\text{mol} \cdot \text{K}) \cdot 298,15\text{ K}}

    Da sich das Minus vor dem Bruch und das Minus der Enthalpie aufheben und sich alle Einheiten wegkürzen, erhalten wir:

    120002478,84,84\approx \frac{12000}{2478,8} \approx 4,84

  3. Schritt 3 · Ergebnis
    In die e-Funktion einsetzen

    Nun setzen wir das Ergebnis als Exponenten von ee ein:

    [Kc]=e4,84126,5[\textcolor{#53E5D6}{K_c}] = e^{4,84} \approx 126,5

Ergebnis:

Der Zahlenwert der Gleichgewichtskonstanten beträgt 126,5126,5. Da der Wert größer als 1 ist, überwiegen im Gleichgewicht die Produkte.


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Quizfrage 1 zu Freie Enthalpie & chemisches Gleichgewicht

Warum bleiben chemische Reaktionen stehen, bevor alle Ausgangsstoffe vollständig verbraucht sind?

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Welche Ausbeute ist bei einer freien Standardreaktionsenthalpie von +45 kJ+45\text{ kJ} bei Raumtemperatur zu erwarten?

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Aufgabentyp 4: Metastabile Systeme

Manchmal sagt uns die Thermodynamik (also ΔrG\Delta_rG^\circ), dass eine Reaktion eigentlich zu 100 % ablaufen müsste. Doch in der Realität passiert... gar nichts! Solche Systeme nennen wir metastabil.

Ein metastabiles System ist wie ein Auto, das ohne angezogene Handbremse auf einem Hügel steht, aber ein kleiner Stein liegt direkt vor dem Reifen. Es will eigentlich nach unten rollen (thermodynamisch begünstigt), aber der Stein blockiert es (kinetisch gehemmt).

In der Chemie ist dieser „Stein“ die Aktivierungsenergie. Wenn die benötigte Startenergie zu hoch ist, läuft die Reaktion bei Raumtemperatur einfach nicht ab.

Aktivierungsenergie als Stein
Aktivierungsenergie als Stein

Ein berühmtes Beispiel ist die Ammoniaksynthese aus Stickstoff und Wasserstoff. Bei 25C25^\circ\text{C} ist diese Reaktion stark exergon (ΔrG<0\Delta_rG^\circ < 0). Theoretisch müssten wir fast 100 % Ausbeute erhalten. Aber die Stickstoff-Moleküle sind so stabil, dass die Aktivierungsenergie riesig ist. Das Gemisch reagiert bei Raumtemperatur überhaupt nicht – es ist metastabil.

Um das Problem zu lösen, erhitzen Chemiker das Gemisch in der Industrie auf 450C450^\circ\text{C} und nutzen einen Katalysator. So wird der „Stein“ aus dem Weg geräumt und die Reaktion kann endlich stattfinden.

Wichtige Erkenntnisse

  • Das chemische Gleichgewicht ist der Zustand der maximalen Gesamtentropie (größte Unordnung durch Vermischung).
  • ΔrG\Delta_rG^\circ bestimmt die Ausbeute: 30 kJ\le -30\text{ kJ} (fast 100 %), +30 kJ\ge +30\text{ kJ} (fast 0 %), dazwischen liegt ein Gleichgewicht.
  • Mit der Formel [Kc]eΔrGRT[K_c] \approx e^{-\frac{\Delta_rG^\circ}{R \cdot T}} lässt sich die Gleichgewichtskonstante berechnen. Achte immer darauf, ΔrG\Delta_rG^\circ in Joule umzurechnen!
  • Metastabile Systeme wollen eigentlich reagieren (ΔrG<0\Delta_rG^\circ < 0), werden aber durch eine zu hohe Aktivierungsenergie blockiert.

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Häufige Fragen

Was ist das chemische Gleichgewicht in Verbindung mit der freien Enthalpie?

Das chemische Gleichgewicht ist der Zustand einer Reaktion, bei dem die Gesamtentropie (Unordnung) ihr Maximum erreicht hat. In diesem Zustand läuft die Reaktion weder in die eine noch in die andere Richtung freiwillig weiter ab, da jede Änderung die Entropie verringern würde.

Wie berechnet man die Gleichgewichtskonstante aus der freien Enthalpie?

Du nutzt die Formel [K_c] ≈ e^(-Δ_rG° / (R · T)). Wichtig ist dabei, dass du die Temperatur T in Kelvin und die freie Standardreaktionsenthalpie Δ_rG° in Joule umrechnest, bevor du die Werte in die e-Funktion deines Taschenrechners eingibst.

Was bedeutet es, wenn ein chemisches System metastabil ist?

Ein metastabiles System ist thermodynamisch instabil, reagiert aber aufgrund einer zu hohen Aktivierungsenergie nicht. Die Reaktion müsste laut der freien Enthalpie (Δ_rG° < 0) eigentlich ablaufen, ist aber kinetisch gehemmt – wie ein Auto am Hang, das von einem Stein blockiert wird.

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