Reaktionskinetik einfach erklärt: Geschwindigkeit & RGT-Regel

Lerne alles über die Reaktionskinetik: Wie berechnet man die Reaktionsgeschwindigkeit, was besagt die RGT-Regel und wie wirken Katalysatoren?

📅 Aktualisiert 30. August 20266 Min. Lesezeit✍️ Rocket Tutor Redaktion
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Reaktionskinetik einfach erklärt: Geschwindigkeit & RGT-Regel

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Student thinking

Hast du dich jemals gefragt, warum ein Auto über viele Jahre hinweg langsam vor sich hin rostet, während der Airbag im Lenkrad bei einem Unfall in Millisekunden explodiert? Beides sind chemische Reaktionen, aber sie laufen in völlig unterschiedlichen Geschwindigkeiten ab.

Rostendes Auto und explodierender Airbag
Rostendes Auto und explodierender Airbag

In der Reaktionskinetik beschäftigen wir uns genau damit: Wie schnell laufen chemische Reaktionen ab und wie können wir diese Geschwindigkeit steuern? Du wirst lernen, wie man diese Geschwindigkeiten berechnet und warum Faktoren wie Temperatur oder die Form eines Stoffes (z. B. Pulver statt Block) einen riesigen Unterschied machen.

Vorwissen

  • Stoffmengenkonzentration (cc): Gibt an, wie viele Teilchen (in Mol) in einem bestimmten Volumen (in Litern) gelöst sind. Die Einheit ist mol/L\text{mol/L}. Beispiel: Wenn du viel Zucker in wenig Wasser löst, ist die Zuckerkonzentration sehr hoch.

  • Aktivierungsenergie (EAE_A): Die Startenergie, die benötigt wird, damit eine chemische Reaktion überhaupt beginnt. Beispiel: Ein Streichholz brennt nicht von alleine; du musst es erst an der Schachtel reiben, um die nötige Startenergie (Wärme durch Reibung) zuzuführen.

Aufgabentyp 1: Berechnung von Reaktionsgeschwindigkeiten

Wenn eine chemische Reaktion abläuft, werden die Ausgangsstoffe (Edukte) verbraucht und neue Stoffe (Produkte) entstehen. Die Reaktionsgeschwindigkeit sagt uns, wie schnell sich die Konzentration in einer bestimmten Zeit ändert. Dabei unterscheiden wir zwei Arten:

1. Die mittlere Reaktionsgeschwindigkeit (vˉ\bar{v})

Stell dir vor, du fährst mit dem Auto in zwei Stunden 100 Kilometer. Deine Durchschnittsgeschwindigkeit ist 50 km/h. In der Chemie berechnen wir die mittlere Geschwindigkeit genauso, indem wir einen bestimmten Zeitraum betrachten. Wir teilen die Änderung der Konzentration (Δc\Delta c) durch die benötigte Zeit (Δt\Delta t).

Formel: vˉ=ΔcΔt\bar{v} = \frac{|\textcolor{#08BFFF}{\Delta c}|}{\textcolor{#53E5D6}{\Delta t}}

(Hinweis: Wir verwenden Betragsstriche ...|...|, da die Konzentration der Edukte abnimmt und das Ergebnis sonst negativ wäre. Eine Geschwindigkeit ist aber immer positiv!)

2. Die momentane Reaktionsgeschwindigkeit (vv)

Wenn du während der Autofahrt auf den Tacho schaust, siehst du deine Geschwindigkeit in genau diesem einen Moment. Das ist die momentane Geschwindigkeit. In der Chemie ist das die Geschwindigkeit zu einem exakten Zeitpunkt tt. Mathematisch gesehen ist das die Ableitung der Konzentration nach der Zeit.

Formel: v=dcdtv = \frac{dc}{dt}

Diagramm mittlere und momentane Reaktionsgeschwindigkeit
Diagramm mittlere und momentane Reaktionsgeschwindigkeit

Im Diagramm ist die mittlere Geschwindigkeit die Steigung einer Linie zwischen zwei Punkten (Sekante). Die momentane Geschwindigkeit ist die Steigung der Kurve an genau einem Punkt (Tangente).

Schritt-für-Schritt-Anleitung

  1. Werte aus dem Text ablesen: Finde die Startkonzentration (c1c_1) zum Zeitpunkt t1t_1 und die Endkonzentration (c2c_2) zum Zeitpunkt t2t_2.
  2. Differenzen berechnen: Berechne die Konzentrationsänderung: Δc=c2c1\Delta c = c_2 - c_1. Berechne das Zeitintervall: Δt=t2t1\Delta t = t_2 - t_1.
  3. In die Formel einsetzen: Setze die Werte in die Formel vˉ=ΔcΔt\bar{v} = \frac{|\Delta c|}{\Delta t} ein und berechne das Ergebnis. Vergiss die Einheit (meistens mol/(Ls)\text{mol/(L} \cdot \text{s)}) nicht!

Durchgerechnete Beispiele

Beispiel 1

Aufgabe

Bei einer Reaktion beträgt die Konzentration eines Edukts zu Beginn (t1=0 st_1 = 0 \text{ s}) genau 0.8 mol/L0.8 \text{ mol/L}. Nach 20 s20 \text{ s} (t2t_2) ist die Konzentration auf 0.4 mol/L0.4 \text{ mol/L} gesunken. Berechne die mittlere Reaktionsgeschwindigkeit in diesem Zeitraum.

Fortschritt
3 / 3
  1. Schritt 1
    Werte aus dem Text ablesen

    c1=0.8 mol/Lc_1 = 0.8 \text{ mol/L} bei t1=0 st_1 = 0 \text{ s} c2=0.4 mol/Lc_2 = 0.4 \text{ mol/L} bei t2=20 st_2 = 20 \text{ s}

  2. Schritt 2
    Differenzen berechnen

    Δc=0.4 mol/L0.8 mol/L=0.4 mol/L\Delta c = 0.4 \text{ mol/L} - 0.8 \text{ mol/L} = -0.4 \text{ mol/L} Δt=20 s0 s=20 s\Delta t = 20 \text{ s} - 0 \text{ s} = 20 \text{ s}

  3. Schritt 3 · Ergebnis
    In die Formel einsetzen

    vˉ=0.4 mol/L20 s\bar{v} = \frac{|-0.4 \text{ mol/L}|}{20 \text{ s}} vˉ=0.4 mol/L20 s\bar{v} = \frac{0.4 \text{ mol/L}}{20 \text{ s}} vˉ=0.02 mol/(Ls)\bar{v} = 0.02 \text{ mol/(L} \cdot \text{s)}

Ergebnis:

Die mittlere Reaktionsgeschwindigkeit beträgt 0.02 mol/(Ls)0.02 \text{ mol/(L} \cdot \text{s)}.

Aufgabentyp 2: Einflussfaktoren auf die Reaktionsgeschwindigkeit & Stoßmodell

Damit zwei Stoffe miteinander reagieren können, müssen ihre Teilchen zusammenstoßen. Aber nicht jeder Stoß führt zu einer Reaktion! Die Teilchen müssen mit genug Wucht (Energie) und im richtigen Winkel aufeinanderprallen. Das nennt man einen wirksamen Stoß.

Darstellung eines wirksamen Teilchenstoßes
Darstellung eines wirksamen Teilchenstoßes

Je mehr wirksame Stöße pro Sekunde stattfinden, desto schneller ist die chemische Reaktion. Wir können diese Stoßhäufigkeit durch drei Hauptfaktoren beeinflussen:

  • 1. Konzentration: Stell dir einen Autoscooter auf der Kirmes vor. Wenn nur zwei Autos auf der Fläche fahren, stoßen sie selten zusammen. Wenn 50 Autos auf der gleichen Fläche fahren (hohe Konzentration), kracht es ständig. Mehr Teilchen auf engem Raum bedeuten mehr Stöße und eine schnellere Reaktion.
  • 2. Temperatur: Wenn wir die Temperatur erhöhen, bewegen sich die Teilchen schneller. Sie stoßen nicht nur häufiger zusammen, sondern vor allem viel heftiger. Dadurch haben mehr Teilchen die nötige Energie für einen wirksamen Stoß.
  • 3. Zerteilungsgrad (Oberfläche): Ein massiver Holzklotz brennt langsam, aber feine Holzspäne brennen sofort ab. Warum? Bei einem festen Block können nur die Teilchen an der äußeren Oberfläche reagieren; die Teilchen im Inneren sind geschützt. Wenn wir den Stoff zerkleinern (hoher Zerteilungsgrad), legen wir die inneren Teilchen frei. Die Gesamtoberfläche wird viel größer, und es können viel mehr Stöße gleichzeitig stattfinden.

Durchgerechnete Beispiele

Beispiel 1

Aufgabe

Führe den Brausetabletten-Test durch, um sichtbar zu machen, wie der Zerteilungsgrad (die Oberfläche) die Reaktionsgeschwindigkeit beeinflusst. Materialien: 2 identische Vitamin-Brausetabletten, 2 Bechergläser, Wasser, ein Mörser (oder Löffel) zum Zerkleinern.

Fortschritt
4 / 4
  1. Schritt 1
    Wasser einfüllen

    Fülle beide Bechergläser mit exakt der gleichen Menge Wasser (z. B. 200 mL) bei gleicher Temperatur.

  2. Schritt 2
    Tablette zerkleinern

    Zerkleinere eine der Brausetabletten zu feinem Pulver.

  3. Schritt 3
    Reaktion starten

    Gib gleichzeitig die ganze Tablette in das linke Glas und das Pulver in das rechte Glas.

    Ganze Brausetablette und Pulver
    Ganze Brausetablette und Pulver
  4. Schritt 4 · Ergebnis
    Beobachtung

    Das Pulver im rechten Glas sprudelt extrem heftig auf und ist bereits nach wenigen Sekunden komplett verschwunden. Die ganze Tablette im linken Glas sprudelt viel langsamer und braucht deutlich länger, um sich vollständig aufzulösen.

    Auflösende Brausetabletten im Wasser
    Auflösende Brausetabletten im Wasser
Ergebnis:

Durch das Zerkleinern der Tablette wurde ihre Oberfläche enorm vergrößert. Das Wasser kann nun gleichzeitig an viel mehr Teilchen angreifen. Es finden mehr wirksame Stöße pro Sekunde statt, weshalb die Reaktion viel schneller abläuft.

Aufgabentyp 3: Temperaturabhängigkeit (RGT-Regel)

Wir haben bereits gelernt, dass Wärme eine Reaktion beschleunigt. Aber wie stark genau? Dafür gibt es in der Chemie eine sehr berühmte Faustregel: Die Reaktionsgeschwindigkeit-Temperatur-Regel, kurz RGT-Regel (auch van-’t-Hoff-Regel genannt).

Die Regel besagt: Eine Temperaturerhöhung um 10 C10 \text{ }^\circ\text{C} führt bei vielen Reaktionen zu einer Verdopplung der Reaktionsgeschwindigkeit.

Das bedeutet, wenn du die Temperatur um 20 C20 \text{ }^\circ\text{C} erhöhst, verdoppelt sich die Geschwindigkeit zweimal (sie wird also viermal so schnell). Wenn du dein Essen in den Kühlschrank stellst und es dort 20 C20 \text{ }^\circ\text{C} kälter ist als im Zimmer, laufen die chemischen Verderb-Reaktionen viermal langsamer ab. Deshalb hält Essen im Kühlschrank länger!

Durchgerechnete Beispiele

Beispiel 1

Aufgabe

Eine chemische Reaktion dauert bei 20 C20 \text{ }^\circ\text{C} genau 40 Minuten40 \text{ Minuten}. Schätze mithilfe der RGT-Regel ab, wie lange dieselbe Reaktion bei 40 C40 \text{ }^\circ\text{C} dauern wird.

Fortschritt
3 / 3
  1. Schritt 1
    Temperaturdifferenz bestimmen

    Die Temperatur steigt von 20 C20 \text{ }^\circ\text{C} auf 40 C40 \text{ }^\circ\text{C}. Das ist eine Erhöhung um 20 C20 \text{ }^\circ\text{C}.

  2. Schritt 2
    Geschwindigkeitsänderung berechnen

    Nach der RGT-Regel verdoppelt sich die Geschwindigkeit pro 10 C10 \text{ }^\circ\text{C}. Bei +10 C+10 \text{ }^\circ\text{C} (also 30 C30 \text{ }^\circ\text{C}): Geschwindigkeit ×2\times 2. Bei weiteren +10 C+10 \text{ }^\circ\text{C} (also 40 C40 \text{ }^\circ\text{C}): Geschwindigkeit nochmals ×2\times 2. Insgesamt ist die Reaktion also 2×2=42 \times 2 = 4-mal so schnell.

  3. Schritt 3 · Ergebnis
    Neue Dauer berechnen

    Wenn die Reaktion 4-mal so schnell abläuft, braucht sie nur noch ein Viertel der ursprünglichen Zeit. 40 Minuten/4=10 Minuten40 \text{ Minuten} / 4 = 10 \text{ Minuten}.

Ergebnis:

Die Reaktion wird bei 40 C40 \text{ }^\circ\text{C} voraussichtlich nur noch 10 Minuten10 \text{ Minuten} dauern.

Aufgabentyp 4: Katalyse und Enzyme

Manchmal reicht es nicht aus, die Temperatur oder Konzentration zu erhöhen. Hier kommen Katalysatoren ins Spiel. Ein Katalysator ist ein Stoff, der eine chemische Reaktion beschleunigt, ohne dabei selbst verbraucht zu werden.

Wie macht er das? Erinnerst du dich an die Aktivierungsenergie? Das ist der „Energie-Berg“, den die Teilchen überwinden müssen, damit die Reaktion startet. Ein Katalysator senkt diese benötigte Aktivierungsenergie.

Stell dir vor, du musst zu Fuß über einen hohen Berg wandern (hohe Aktivierungsenergie). Das ist anstrengend und dauert lange. Ein Katalysator bohrt quasi einen Tunnel durch den Berg. Der Weg wird viel leichter und du bist viel schneller am Ziel.

Energiediagramm mit und ohne Katalysator
Energiediagramm mit und ohne Katalysator

Auch unser eigener Körper nutzt dieses Prinzip ständig. In der Biologie nennt man diese speziellen Katalysatoren Enzyme. Enzyme sind Biokatalysatoren, die dafür sorgen, dass lebenswichtige Reaktionen in unseren Zellen (wie die Verdauung) schnell genug ablaufen, selbst bei unserer normalen Körpertemperatur von 37 C37 \text{ }^\circ\text{C}.

Wichtige Erkenntnisse

  • Mittlere Geschwindigkeit: Berechnet sich aus der Konzentrationsänderung geteilt durch die Zeit (vˉ=ΔcΔt\bar{v} = \frac{|\Delta c|}{\Delta t}).
  • Stoßmodell: Reaktionen passieren durch wirksame Stöße. Mehr Konzentration, höhere Temperatur oder ein größerer Zerteilungsgrad (Pulver) führen zu mehr Stößen und einer schnelleren Reaktion.
  • RGT-Regel: Eine Temperaturerhöhung um 10 C10 \text{ }^\circ\text{C} verdoppelt die Reaktionsgeschwindigkeit.
  • Katalysatoren & Enzyme: Sie beschleunigen Reaktionen, indem sie die benötigte Aktivierungsenergie senken, ohne selbst verbraucht zu werden.

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Häufige Fragen

Was ist die Reaktionskinetik?

Die Reaktionskinetik ist ein Teilbereich der Chemie, der sich mit der Geschwindigkeit chemischer Reaktionen beschäftigt. Sie untersucht, wie schnell Ausgangsstoffe (Edukte) in Produkte umgewandelt werden und welche Faktoren – wie Temperatur, Konzentration oder Zerteilungsgrad – diese Geschwindigkeit beeinflussen.

Wie berechnet man die mittlere Reaktionsgeschwindigkeit?

Die mittlere Reaktionsgeschwindigkeit berechnest du, indem du die Änderung der Konzentration durch die dafür benötigte Zeit teilst. Die Formel lautet v = |Δc| / Δt. Da die Konzentration der Edukte abnimmt, setzt man Betragsstriche, damit das Ergebnis positiv bleibt.

Was besagt die RGT-Regel?

Die RGT-Regel (Reaktionsgeschwindigkeit-Temperatur-Regel) besagt, dass sich die Reaktionsgeschwindigkeit bei einer Temperaturerhöhung um 10 °C ungefähr verdoppelt. Das bedeutet, dass chemische Reaktionen bei höheren Temperaturen deutlich schneller ablaufen, was auch erklärt, warum Lebensmittel im Kühlschrank länger haltbar sind.

Welchen Einfluss hat ein Katalysator auf die Reaktionsgeschwindigkeit?

Ein Katalysator beschleunigt eine chemische Reaktion, indem er die benötigte Aktivierungsenergie senkt. Die Teilchen benötigen dadurch weniger Energie, um miteinander zu reagieren. Der Katalysator selbst wird bei der Reaktion nicht verbraucht und liegt am Ende wieder unverändert vor.

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